Prunk und Pleite einer Unternehmerdynastie

Der Konkurs der Nordwolle und die Bankenkrise 1931

07.03. | 09.03. |19.30-22.00
13 EUR | erm. 6 EUR

„Aus den Akten auf die Bühne“, Kooperation mit der Universität Bremen, FB Geschichtswissenschaft.

Es lesen: Peter Lüchinger, Michael Meyer, Petra-Janina Schultz, u.a.

„Vom Schloss in die Zelle“, „Die Entwirrung des Wollknäuels“, „Die Verteilung von Schuld und Schulden“, Bremer Woll-Panama und kein Ende“, „Nordwolle-Proleten auf die Straße geworfen“, „Konkursverbrechen und Betrug“, „Wieso schreitet der Staatsanwalt nicht ein?“, „Bremer Wirtschaftskapitäne im Kreuzfeuer der Kritik“, „Ein schwarzer Freitag für die bremische Wirtschaftsehre“ – das sind einige der Titel aus der zeitgenössische Presse, als der Bankrott der „Nordwolle“ die Medien der Nation monatelang beschäftigte.

Am 17. Juli 1931, dem Geburtstag G. Carl Lahusens, hatte die Polizei die Brüder Lahusen auf ihrem Gut Hohehorst, das die Brüder zu einem schlossähnlichen Anwesen umgebaut hatten, verhaftet.
Der Traum des bürgerlichen Unternehmers vom Adelsschloss war jäh ausgeträumt. Der Verdacht lautete auf Bilanzmanipulationen und betrügerischen Bankrott!
Georg Carl Lahusen stand zusammen mit seinen beiden Brüdern an der Spitze des größten europäischen Textilkonzerns, der Norddeutschen Wollkämmerei und Kammgarnspinnerei (NWK). Der Konkurs der NWK, des größten europäischen Textilkonzerns, im Juli 1931 hat dramatische Folgen nicht nur für Bremen:
Die Banken, die mit der „Nordwolle“ eng zusammenarbeiteten, wurden zahlungsunfähig und mussten die Schalter schließen. Das deutsche Finanzsystem kollabierte und die allgemeine Wirtschaftskrise spitzte sich zu. Das Ansehen des Bremer Kaufmanns war vor allem im Ausland schwer beschädigt. Der Finanzsenator, mit der Familie Lahusen familiär verbunden, der bis zuletzt dank seiner Kontakte zu den Banken und mit Mitteln des Staates versuchte, den Konkurs zu verhindern, musste zurücktreten. Seitdem gilt der Fall Lahusen auch als Beispiel für die enge Verflechtung zwischen Politik und Wirtschaft in Bremen.

Zwei Jahre lang ermittelte die Reichsanwaltschaft gegen die Brüder Lahusen, bis im August 1933 der Prozess eröffnet wurde und mit ihrer Verurteilung zu Haft- und Geldstrafen endete. Doch bis heute ist das Handeln der Hauptakteure aus Wirtschaft und Politik von vielen Rätseln umgeben. Denn noch immer ist nicht geklärt, weshalb das Verfahren erst im August 1933 vor dem Landgericht Bremen eröffnet wurde. Bis jetzt wurden die Vorwürfe gegen die Brüder Lahusen nicht auf breiter Quellenbasis überprüft. Während in der einschlägigen Literatur der Konkurs der NWK bis heute als Auslöser der Krise thematisiert wird, fehlen Aussagen über die Schlüsselfiguren, über Industrielle, Politiker und Bankiers. Diese Akteure, ihr Verhalten, ihre Stellung im Bremer Wirtschaftsbürgertum und ihre Motive sollen im Mittelpunkt der 7. Inszenierung der Reihe „Aus den Akten auf die Bühne“ stehen.
Hierzu gehört der Aufstieg G. Carl Lahusens zum gefeierten „Wirtschaftsführer“ seiner Zeit in den Medien ebenso wie seine Wahl zum Präses der Handelskammer noch Anfang des Jahres 1931. Lahusen inszenierte sich als Kämpfer gegen die Sozialpolitik der Weimarer Republik, gegen das seiner Meinung nach für die Interessen der Wirtschaft schädliche Reichsarbeitsministerium und gegen die Gewerkschaften. Auch die von Lahusen selbst ausführlich beschriebene Rationalisierung und seine Rolle als Vorreiter der Einführung des Leistungslohnes als eine Ursache seines Erfolges sind Themen in dem neuen Projekt.

Der große Streik in der Textilindustrie (März-August 1927), mit dem sich die Belegschaft in Delmenhorst gegen den Leistungslohn zu wehren versuchte, wurde in der Literatur bis jetzt kaum untersucht. Der Frage, ob die Folgen dieses Arbeitskampfes auch dazu führten, dass die Brüder Lahusen anfingen, ihre Bilanzen zu „korrigieren“, soll ebenfalls nachgegangen werden. Zum ersten Mal wird auch der bisher unbekannte Weg von G. Carl Lahusen nach der Haftentlassung in den 1930er Jahren in Berlin verfolgt. Wie versuchte er beruflich wieder Fuß zu fassen und um welchen Preis? Mit wessen Unterstützung? Welche Rolle spielte sein ehemaliger Betriebsdirektor Dr. Hans Horst, Parteigenosse der NSDAP seit 1930? Und wieso stand Lahusen 1941 erneut vor Gericht, diesmal vor dem Landgericht Berlin?

„Aus den Akten auf die Bühne“ www.sprechende-akten.de ist eine bundesweit einmalige und erfolgreiche Kooperation zwischen Forschung, Lehre und Theater an der Universität Bremen. Studierende recherchieren in verschiedenen Archiven, werten die zeitgenössische Presse aus und schreiben Artikel. Ein Sammelband mit Beiträgen, zahlreichen Fotos und Dokumenten wird zu der Premiere erscheinen.


Pressestimmen

Dokumentartheater
Die feinen Bremer Kaufleute
Die Bremer Shakespeare-Company bringt die Geschichte der Firma Nordwolle auf die Bühne - ein Psychodrama einer Kaufmannsfamilie.

Achtung, das ist nichts für die Kinder der Sesamstraße. Zweieinhalb Stunden schwere Sprach-Kost bringt die Shakespeare-Company auf die Bühne. „Prunk und Pleite einer Unternehmerdynastie. Der Konkurs der Nordwolle und die Bankenkrise 1931“ - gelesen aus den Akten, aus Zeitungsnotizen, Gerichtsprotokollen und Briefen, die Studenten der Uni Bremen gesichtet und geordnet haben. Muss das sein? Hätte man nicht ein kurzweiliges Theaterstück daraus machen können?
Hätte man sicherlich, aber ob es dem Thema angemessener gewesen wäre, darf bezweifelt werden. Wer sich auf diese szenische Lesung einlässt, bekommt einen Krimi voller Gesellschaftskritik geboten - weniger auf der Bühne als im Kopf. Verschiedene renommierte Bremer Familiennamen tauchen da auf, die Lahusens natürlich, aber auch die Familien Böhmer, Kulenkampff, Smidt. Die feine Bremer Gesellschaft - vor allem deswegen fein, weil sie sich gegenseitig gute Leumundszeugnisse ausgestellt haben. Die Lahusens, weltbekannte Kaufleute. Georg Carl Lahusen, bis zur großen Pleite der Kopf der Nordwolle, noch 1931 zum Präses der Handelskammer gewählt, einer der weltweit bekannten, seriösen Bremer Kaufleute - sagen jedenfalls die anderen seriösen Kaufleute und bürgen noch für ihn, als er schon verhaftet ist.
Geradezu krankhaft selbstverliebt erscheint Lahusen aus seinen Akten-Spuren. Er schwadroniert von seinem Glauben an den lieben Gott, wenn er nicht mehr weiter weiß - und glaubt vor allem an sich. Er setzt die Existenz von 25.000 Arbeitern aufs Spiel, um sein Scheitern nicht rechtzeitig eingestehen zu müssen.
Nein, ein Lahusen scheitert nicht, vor allem nicht moralisch. Der Tageslohn bei der Nordwolle war so gering, dass sich schlecht deutsche Arbeitskräfte finden ließen in den goldenen 1920er-Jahren. Lahusen warb junge Mädchen und Frauen aus Schlesien, Galizien und Böhmen an, für eine Mark fünfzig am Tag. „Wollmäuse“ nannten die Delmenhorster sie. Für seine kluge „Menschenwirtschaft“ lobte Lahusen sich selbst. Wohnungsnot und soziales Elend in Delmenhorst waren sprichwörtlich. Ein dreimonatiger Streik verhagelte ihm die Bilanz des Jahres 1929. Es ist die Pleite eines Familienbetriebes, in der die Brüder den Bruder nicht kontrollieren, anstatt der Rationalität des Kapitalismus dominiert die Vetternwirtschaft.

Keine Spur von Selbstzweifel
Der Mann, der 1933 sein Fähnchen in den Wind hängte und das „jüdische Bankhaus“ für seinen Bankrott verantwortlich machte, versuchte 1941, aus dem Knast freigekommen, sich „arisierte“ Betriebe unter den Nagel zu reißen - und forderte 1946 Wiedergutmachung als Verfolgter des Nazi-Regimes. Wenn der Schauspieler Michael Meyer die privaten Briefe von Georg Carl Lahusen liest, kann einen ein Schauder überkommen - selbst die zärtlichsten Bemerkungen strotzen vor Falschheit. Im Gefängnis scheint das Rollenspiel dieses Bremer Kaufmanns nur noch starrsinniger und spröder geworden zu sein. Keine Spur von Selbstzweifel oder auch nur Nachdenklichkeit. Selbst die Reichsregierung in Berlin berät ernsthaft, ob sie das Unternehmen nicht retten sollte - die Kabinettsprotokolle dokumentieren vor allem die Hilflosigkeit der Politik in einer wirtschaftlichen Krisensituation. In dem Gerichtsverfahren, das im Herbst 1933 stattgefunden hat, windet Lahusen sich unter den hochnotpeinlichen Fragen nach der betrügerischen Struktur seines Erfolges und rettet sich, wenn er vor lauter Lügen nicht mehr weiter weiß, ins Schweigen. Das Urteil fällt mit fünf Jahren Haft skandalös milde aus. Ein Psychodrama findet da auf der Bühne statt, ein Wirtschaftskrimi, ein Sittengemälde über fast 100 Jahre Bremer Geschichte, authentisch Satz für Satz, kein Deut dazugedichtet - feine Bremer Gesellschaft!

Dunkles Kapitel der Bremer Geschichte
Kein Bremer Schulkind hat das im Geschichtsunterricht gelernt. Das würde nicht zum Bremer Lokalpatriotismus passen: Wie der Firmengründer Lahusen den Seeleuten ihre Titel auf argentinisches Land für ein paar Schnäpse abgeschwatzt hat, wie der Unternehmer Lahusen versucht, die Konkurrenz auszuschalten, indem er sie - auf Kredit - aufkauft, wie über eine Amsterdamer Betrugs-Firma die Bilanzen systematisch gefälscht werden und große Summen abgezweigt werden, mit dem die Lahusens in Bremen ihre großbürgerliche Fassade finanzieren.
Das Erbe der Lahusens, ihr 107-Zimmer großes „Herrenhaus“ Hohehorst bei Schwanewede steht mit seinen 5.000 Quadratmetern Land gerade zum Verkauf an. Im „Haus des Reichs“, dem Firmensitz, durch die Sozialdemokraten mit der Adresse „Rudolf-Hilferding-Platz 1“ geadelt, werden heute Bremens Staatsschulden verwaltet. Der Name Niels Stolberg fällt natürlich nicht auf der Bühne, weil er nicht in den Lahusen-Akten vorkommt, aber unübersehbar ist, dass die kurze Geschichte der Bremer Beluga-Reederei nur eine mittelmäßige Kopie der Lahusen-Geschichte darstellt. Der Stoff ist brandaktuell.

taz Nord, Dienstag, 2. Juni 2015. Von Klaus Wolschner.


Vom Prunk zur Pleite
Premiere der szenischen Lesung über den Konkurs der Nordwolle

Spektakulär der Untergang, weitreichend die Folgen für die Weltwirtschaft: In einer anspruchsvollen szenischen Lesung haben Geschichtsstudenten der Uni zusammen mit der Bremer Shakespeare Company (BSC) die Wirtschaftspleite von Europas größtem Textilkonzern Nordwolle und dessen Folgen auf die Bühne des Theaters am Leibnizplatz gebracht.

„Prunk und Pleite einer Unternehmerdynastie – der Konkurs der Nordwolle und die Bankenkrise 1931“ ist kein Theater, sondern eine Lesung, vorgetragen von Schauspielern der BSC, die in die Rollen der damaligen Akteure schlüpfen. Die Aufführung basiert auf Quellen, die die Masterstudenten unter der Leitung der Historikern Dr. Eva Schöck-Quinteros in diversen Archiven zusammengetragen haben. „Das Thema hat sich als besonders komplex erwiesen, weil wir in Archiven auf immer wieder auf neue Dokumente gestoßen sind“, sagen Jannik Sachweh und Johanne Bischoff. Drei Semester lang wühlten sich die Studenten im Rahmen des Projektes „Aus den Akten auf die Bühne“ durch Dokumentenberge, sichteten Zeitungsartikel der Bremer wie Berliner Presse und transkribierten Vernehmungsprotokolle sowie Familienkorrespondenz der Lahusens aus dem Nordwestdeutschen Museum für Industriekultur in Delmenhorst. Vier Aktenordner, 2000 Seiten an Material über den Aufstieg und Fall der Brüder Lahusen und der Nordwolle übergaben die Studenten Peter Lüchinger, der dann ein 50-seitiges Manuskript zusammenstellte.
Die Lesung spannt einen Bogen von der Blütezeit der Nordwolle in den 20er Jahren, in der die Brüder Lahusen den Vorstand der Nordwolle bekleideten, Georg Carl Lahusen erst Schaffer, später Präses der Bremer Handelskammer wurde, bis zum folgenreichen Untergang des Konzerns wenige Monate später. Alles ist eingebettet in eine Kulisse aus verstreuten Papierblättern, Tischen, einer großen Tafel und einem Kronleuchter.

Noch Ende der 20er Jahre schwelgt die Familie im Prunk, werden über zwölf Millionen Reichsmark für den Bau des Firmensitzes an der Contrescarpe (heute: Haus des Reichs) ausgegeben. Doch dann wird die schlechte finanzielle Situation des Konzerns bekannt. Im Juli 1931 ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen Untreue und Bilanzverschleierung gegen die Brüder Georg Carl und Heinz. Auf der Bühne wird deutlich: Der Untergang der Nordwolle ist einer Mischung aus Weltwirtschaftskrise und Misswirtschaft geschuldet. Denn um das kostspielige Leben zu finanzieren, hatte sich Carl Geld in die eigene Tasche gesteckt und Bilanzen geschönt, um von den Banken immer neue Kredite zu bekommen. Die wirtschaftliche Katastrophe beginnt mit dem Zusammenbruch der kreditgebenden Danat-Bank. Für die Brüder Lahusen folgt erst Untersuchungshaft, ab August 1933 jene Gerichtsverhandlung, die die Schauspieler auf der Bühne zum Leben erwecken. Aus Briefen von Carl an seine Schwester Amine wird deutlich, was sich wie ein roter Faden durch Carls Leben zieht: Er stellt sich und sein Handeln nie infrage, macht jüdische Großbanken für den Zusammenbruch verantwortlich.

Viele Akteure, viele Daten, komplizierte, komprimierte Zusammenhänge und schnell vorgetragene Texte: Vor allem zu Beginn fällt es schwer, in das Geschehen hineinzufinden. „Hier und da hat es mich doch überfordert“, ist von Zuschauern nach der Premiere am Dienstagabend zu hören. Es ist kein Abend, um abzuschalten. Aber einer, an dem spannende Bremer Wirtschaftsgeschichte mit engagierten Akteuren zum Leben erwacht.

Kreiszeitung, Bremen, 21. Mai 2015. Von Viviane Reineking.


Der Fall Lahusen auf der Bühne

Drei Semester lang haben Studierende der Universität Bremen sich mit dem Niedergang der Bremer Unternehmerfamilie Lahusen („Nordwolle“) befasst. Aus den 2000 Seiten mit dokumentarischen Texten, die sie zusammengetragen haben, hat die Shakespeare Company nun die szenische Lesung „Prunk und Pleite einer Unternehmerdynastie“ gestrickt. Überzeugen kann das Stück allerdings nicht.

Weser-Kurier, 21. Mai 2015. Titelseite

Schwerer Stoff

Welch ein ambitioniertes Projekt: Drei Semester lang haben sich Studierende der Geschichtswissenschaft der Uni Bremen mit dem Aufstieg und Fall der Bremer Dynastie Lahusen und ihres Textilunternehmens Nordwolle auseinandergesetzt. 2000 Seiten mit transkribierten Quellen sind dabei zusammengekommen, demnächst werden daraus gleich zwei Bücher produziert. Aus diesen 2000 Seiten hat Peter Lüchinger für die Shakespeare Company zudem eine szenische Lesung für die Reihe „Aus den Akten auf die Bühne“ zusammengestellt, die am Dienstagabend unter dem Titel „Prunk und Pleite einer Unternehmerdynastie“ Premiere hatte. Die Geschichte ist ein veritabler Wirtschaftskrimi, der 1931 eine nationale Bankenkrise auslöste: Das einst florierende Unternehmen mit Sitz in Delmenhorst und mehr als 20 000 Mitarbeitern geht in Konkurs. In den Jahren zuvor hatte vor allem Carl Georg Lahusen massiv getrickst, Buchungen und Bilanzen gefälscht, Kreditgeber und Banken belogen, hohe Dividenden gezahlt, obwohl das Unternehmen bereits mit 135 Millionen Reichsmark im Soll stand. Privat ließ die Familie es sich gut gehen, baute sich für mehrere Millionen Reichsmark einen Stammsitz mit 107 Zimmern. Gescheitert sei man letztlich an dem „jüdischen Bankenwesen“, so die Lahusens. Von Selbstkritik keine Spur. Ach ja: Die Familie unterstützte bereits früh die NSDAP mit Geldspenden.
Fünf Schauspieler teilen sich den Text auf einer mit weißen Blättern übersäten Bühne. Das Publikum bekommt eine Unmenge an Zahlen, Fakten und Namen serviert – wer nicht ständig auf Zack ist, hat Mühe, über immerhin zweidreiviertel Stunden zu folgen und zu verstehen. Ein Erzähler, der ab und an zusammenfasst, erklärt, bewertet, hätte dies sicher erleichtert und zudem die Chance geboten, sich auf einzelne Szenen zu konzentrieren und diesen mehr Leben einzuhauchen. Das klappt nach der Pause ansatzweise, wenn in einer nachgestellten Gerichtsverhandlung das ganze Ausmaß des Missmanagements klar wird. Die Frage bleibt, ob Dokumentartheater für diese komplexe Geschichte nicht schlicht die falsche, weil medial zu begrenzte Form ist. Ein klug strukturierter Dokumentarfilm über die Lahusens wäre vielleicht die bessere Wahl gewesen.

Weser-Kurier, 21. Mai 2015. Von Iris Hetscher.


Bremer Uni Schlüssel aktuell – Das online-Magazin
Universität Bremen, 21.05.2015
Autorin: Karla Götz

Premiere von „Prunk und Pleite“ punktet beim Publikum
Sie haben drei Semester lang in Archiven gefahndet, Quellen transkribiert, Ergebnisse verglichen und diskutiert. Eine Gruppe von 16 Masterstudierenden der Geschichtswissenschaft an der Uni Bremen hat die wirtschaftliche Entwicklung der Norddeutschen Wollkämmerei und Kammgarnspinnerei AG, kurz Nordwolle, aufgedeckt. In der bewährten Kooperation „Aus den Akten auf die Bühne“ haben vier Schauspieler und eine Schauspielerin der „bremer shakespeare company“ den Quellen Leben eingehaucht.
Die Premiere der szenischen Lesung „Prunk und Pleite einer Bremer Unternehmerdynastie“ wurde ein Erfolg. Im Theatersaal am Leibnizplatz waren alle Plätze besetzt, zusätzliche Stühle mussten hineingeschoben werden.2007 hat die Historikerin Eva Schöck-Quinteros vom Institut für Geschichtswissenschaft das Format erfunden. „Ich las im Staatsarchiv den erschütternden Fall einer Ausweisung so genannter lästiger Ausländer“, erinnert sie sich, „da dachte ich, das muss auf die Bühne“. Mit Peter Lüchinger von der „bremer shakespeare company“ habe sie einen „genialen Partner“ gefunden. Studierende leisten die Vorarbeit, Profis setzen die Texte um. „So kann Wissenschaft begeistern.“ Die Sprache der Quellen sollte erhalten bleiben, „schneiden, kürzen und montieren müssen die Schauspieler, das ist ihr Geschäft“, sagt die Projektleiterin. Ein Rezept, das aufgeht, wie sich beim spannenden Wirtschaftskrimi der Brüder Lahusen zeigt, die ihr Unternehmen mit 27 000 Arbeitern in Delmenhorst und Böhmen in eine beispiellose Pleite führen und einen Erdrutsch in der Bankenlandschaft der Weimarer Republik auslösen.

Studierende decken ungeschriebene Geschichte auf
„Wir haben erstmal alles gesammelt“, beschreibt Jannik Sachweh, Masterstudent der Geschichtswissenschaft, die Vorarbeit. Dafür waren die Studierenden im Staatsarchiv Bremen, im Stadtarchiv und im Nordwolle-Museum Delmenhorst, im Niedersächsischen Landesarchiv Oldenburg, im Bundesarchiv und Landesarchiv Berlin detektivisch unterwegs. Für Studentin Lotta Cordes war anhand der Prozessakten besonders interessant, „wie sich in der Zeit zwischen 1931 und 1933 Vertreter des wirtschaftsliberalen Bürgertums ideologisch wandeln“. Bei einem Treffen mit Peter Lüchinger haben sich die Studierenden mit dem Regisseur dann darüber verständigt, worauf die Lesung sich fokussieren sollte. „Was auf die Bühne kommt, kann die Perspektive einer Historikerin nicht erreichen“, schränkt Lotta Cordes ein. Eine wissenschaftliche Untersuchung des Konkurses stehe bislang aus, bestätigt Jannik Sachweh. Und die Gruppe ist sich einig, dass es ein großartiges Erlebnis ist, nicht geschriebene Geschichte aufzudecken.

Die Quellen sprechen
Unter einem funkelnden Lüster stehen eine weiß gedeckte Tafel mit Silberzeug, nüchterne Bürotische und ein Schreibtisch aus den Gründerjahren. Der Boden ist übersät mit losen Blättern, die Herren tragen feinen Zwirn der Zwanziger Jahre, die szenische Lesung kann beginnen. In mehr als zwei Stunden kommt Erstaunliches ans Licht. 200 Millionen Reichsmark Schulden, die vertuscht, Aktienkapital, das verwirtschaftet wurde, kleine Sparer, die bei den Banken Schlange stehen und um ihr Geld fürchten, fingierte Konten, falsche Buchungen, Ausschüttung von Dividenden aus Scheingewinnen, Outsourcing und das luxuriöse Leben der Wollkönige. Schloss Hohehorst in der Bremer Schweiz zum Beispiel: 107 Zimmer und 12 marmorne Badestuben, erbaut in einer Zeit, als es eigentlich schon bergab ging. Der Reiz der Aufführung besteht in ihrer eigenartigen Schwebe. Es sprechen die Quellen. Die sind manchmal, besonders deutlich bei politisch ausgerichteten Zeitungen, interessengeleitet. Ein eindeutiges moralisches Urteil fällt schwer. Das Publikum bekommt ordentlich Stoff zum Diskutieren.

Publikum diskutiert
Professor Bernd Scholz-Reiter, Rektor der Universität Bremen, ist beeindruckt von der spannenden Dokumentation. „Ich finde es bemerkenswert, welche Quellen unsere Studierenden ausgegraben haben“, sagt er. Klaus Kählke, Geschichtslehrer am Alten Gymnasium, sagt: „Es ist extrem schockierend, mit welchen ähnlichen Finanzmanipulationen schon damals gearbeitet wurde, um private Gewinne aus Unternehmen herauszuziehen. Und das alles mit der Haltung des Biedermannes. Da sehe ich Parallelen zur heutigen Zeit.“

www.uni-bremen.de/…/premiere-von-prunk-und-pleite-punktet-beim-publikum


Spannender Wirtschaftskrimi
Fünf Schauspieler der Shakespeare-Company bieten einen besonderen Genuss: eine szenische Lesung, die auf Fakten beruht und jede Menge Dramatik und Krimi bietet.
„Alles was Sie hören ist wahr.“ Mit diesen Worten eröffnet Schauspieler Peter Lüchinger einen Wirtschaftskrimi über die Brüder Gustav Carl und Heinz Lahusen und den Konkurs der Nordwolle, der auch der Feder eines Buchautors entsprungen sein könnte. Wieder einmal haben die Schauspieler der Shakespeare Company gemeinsam mit der Historikerin Dr. Eva Schöck-Quinteros und Studierenden der Universität Bremen im Rahmen der Projektreihe „Aus den Akten auf die Bühne” Fakten spannend und verständlich verpackt. Allerdings muss man sich als Zuhörer darüber im Klaren sein, dass einem keine leichte Kost serviert wird. Dazu ist die damalige Situation rund um den Nordwolle-Konkurs und die anschließende Bankenkrise im Jahr1931 sowie die langwierigen Gerichtsprozesse einfach zu kompliziert und verworren.
Wie in einem fesselnden Krimi werden die Zuhörer immer tiefer in eine Welt der Korruption, Geheimkonten, Steuerhinterziehung, Bilanzfälschungen und Veruntreuung hineingezogen – immer mit dem Wissen, dass ihnen Tatsachen mitgeteilt werden. Anfang 1931 waren die Lahusens noch auf dem Höhepunkt ihrer Macht, besaßen neben der riesigen Fabrik in Delmenhorst und dem prunkvollen Verwaltungsgebäude in Bremen auch mehrere Rittergüter und ein parkähnliches Anwesen bei Schwanewede. Nur wenige Monate später begann der rasante Absturz. Im Juli 1931 verhaftete die Polizei die Brüder, im Dezember 1933 wurden sie zu Haft- und Geldstrafen verurteilt.
Es ist höchst spannend und erschreckend zugleich, wenn alles ans Licht kommt – ganz wie heute, nur Stück für Stück. Dabei wird man unweigerlich an aktuelle Fälle aus der Politik und Wirtschaft erinnert. Denn Unternehmer und andere Personen der Öffentlichkeit mit scheinbar weißer Weste, straucheln auch heute noch über Skandale, Steuerhinterziehung, Scheinkonten und ähnliche Skandale. Faszinierend ist auch die Selbstwahrnehmung vor allem von Gustav Carl Lahusen. Bis zu seinem Tod in den 1970ern scheint er der Überzeugung gewesen zu sein, dass andere für den Untergang „seiner Familiendynastie“ verantwortlich waren.

Delme-Report, 27. Mai 2015. Von Britta Suhren.

Medien-Links


Bremer Shakespeare Company
Prunk und Pleite der Nordwolle
Szenische Lesung voller Informationen
http://www.radiobremen.de/kultur/theater/nordwolle-theaterstoff102.html

Bremer Kaufmannsdynastie
Aufstieg und Fall der Familie Lahusen
Vom größten europäischen Woll-Imperium in die Pleite
http://www.radiobremen.de/wissen/geschichte/nordwolle/nordwolle108.html

buten un binnen Magazin
buten un binnen im Rückblick: 20. Mai 2015
Nordwolle-Konkurs auf der Theaterbühne
http://www.radiobremen.de/fernsehen/buten_un_binnen/bubsendung102.html

Bremen History - Das regionalhistorische Portal
Mal sentimental, mal großspurig, nie einsichtig
Shakespeare Company bringt Nordwolle-Pleite von 1931 auf die Bühne / Neu entdeckte Briefe beleuchten Firmenchef Lahusen
Von Frank Hethey
http://www.bremen-history.com/#!nordwolle-pleite-1931/c7ri