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Spielfassung/Regie: Lee Beagley.
Bühne/Kostüme: Heike Neugebauer.
Musik: Andy Frizell.
Mit: Hannah Beagley, Andy Frizell, Tim D. Lee, Peter Lüchinger, Michael Meyer, Erik Roßbander, Petra Janina Schultz, Markus Seuß, Janina Zamani.

Ein berauschender „Cabaret-Cocktail“ mit giftigen Zutaten: Musik, Magie und schwarzer Humor nach Motiven aus William Shakespeares „Sturm“.

Miranda, ein Geschöpf aus der Zauberwerkstatt Prosperos, entführt die Besucher auf eine Insel, die einzig ihrem Vergnügen dient. Was sie erleben, ist ihr blaues Wunder und zugleich seine grellbunte Farce. Ein Abend voller diabolischer Tricks und Täuschungen. Prosperos Insel verwandelt sich in ein bittersüßes, pervertiertes Utopia: Künste aus dem Reich der schwarzen Magie führen die Zuschauer hinters Licht verkehren ihre Wünsche und Erwartungen in ihr Gegenteil. Ein Cabaret des lustvollen Grauens und fantastischen Desillusionierung - und hinter den Kulissen kichert William Shakespeare.

Öffnung der Abendkasse 1 Std. vor Beginn. Da der Raum schwer zu beheizen ist, bitte ggfs. warme Kleidung mitbringen!
Die “umgedrehte Kommode” ist nicht barrierefrei!


Pressestimmen

Schöne neue Welt
In “Pleasure Island” verquirlt die Shakespeare Company viele Utopien und Menetekel der Literaturgeschichte
Ihh, Glibber an der Backe! Eigentlich nicht ungewöhnlich, dass bei der Bremer Shakespeare Company tüchtig herumgesudelt wird und auch einige Zuschauer ihr Fett abbekommen. Allerdings stellt dieser Schleim eine ganz besondere Materie dar: Es ist der Stoff, aus dem die Träume sind. Der Mensch ist quasi zu seiner genetischen Breiform verrührt. Igitt!
Aber irgendwie auch interessant. Denn um die Grundidee des genetischen Hexenzaubers hat Regisseur Lee Beagley so viele Einfälle angehäuft, dass der kreative Output der jüngsten Company-Premiere besonders hoch ist. Teilweise geht es auf “Shakespeare’s Pleasure Island”, wie das Stück heißt, aber auch quirlig unübersichtlich zu: Alle dargebotenen Einzelteile lassen sich kaum gänzlich erfassen. Ist das hier Spektakel, Varieté oder Liederabend? Was für ein Stück wird eigentlich gespielt? Und hängen einige Szenen nicht ziemlich durch?
Es ist wohl Stärke und Schwäche dieses Projekts zugleich, dass hier ein komplett eigenes Stück entwickelt wurde, welches nur sehr lose mit seinen Vorlagen verknüpft ist: William Shakespeares “Sturm” (1611) sowie Aldous Huxleys “Schöne neue Welt” (1932) sind mehr Ideengeber als verbindliche Handlungsanleitungen - und Beagley hat daraus eine ganz eigene Theaterwelt gezimmert, die von seltsamen Gestalten bewohnt wird. Auch zischt und knallt es vielerorts, meist, wenn ein neuer Mensch per Magie (Shakespeare) oder Gentechnik (Huxley) gebraut wird.
Auf einem langen Steg wird gespielt, höchst effektvoll, und immer mit ordentlicher Energiezufuhr. Wie eine Startrampe zieht sich diese Bühne durch die Halle des alten Wasserturms hindurch, wobei das Publikum zu beiden Seiten sitzt und immer ein bisschen die Auswahl hat, was es sich im Einzelnen nun angucken möchte. Frau Sycorax (Janina Zamani) zum Beispiel, eine dauerbedröhnte Schabracke, die auf ihrem Heimweg aus der Kneipe noch eine letzte Zwischenstation im Hexenlabor einlegt. Dort tapert meistens ein ungelenker Helfer (Gunnar Haberland) vor sich hin, der am Ende, mit Glühwürmchen bestückt, in einer riesigen Plastikkugel durch die Gegend rollt. Überhaupt wird sehr viel mit solchen optischen Leckerbissen operiert; am Anfang blubbern zwei Fische ebenfalls in (kleineren) Kugeln, schließlich sind wir ja auf einer Insel. Markus Seuss (immer blitzwach) und Tim D. Lee (mal Fisch, mal Cowboy) übernehmen diese und viele weitere (musikalische) Aufgaben mit Bravour.
Den schärfsten Knaller stellt in dieser Melange aber der Halbmensch Caliban dar. Eine Paraderolle für Michael Meier, der hier nicht nur in vielen Oktaven röcheln und keifen darf, sondern auch den eingangs erwähnten Schleim anrührt, Elementarteilchen menschlichen Seins. Eine unheimliche Szene, weil sie federleicht Barbarei mit Moderne verknüpft. Vergleichsweise gesittet geht es bei den älteren Herrschaften zu, die an der mit bunten Theatermitteln geführten Gen-Debatte teilnehmen: Prospero, der milde Zauberer, ist bei Erik Roßbander eine semidiabolische Erscheinung, während Peter Lüchinger zumal als Conferencier in Erinnerung bleibt. Eigentümlich, dass die schönen Songs, die Hannah Beagley (als Miranda-Surrogat) zur Begleitung von Andy Frizell so hübsch darbietet, gegen Ende gehäuft auftreten. Doch der Abend folgt auf unterhaltsame und geheimnisvolle Weise seiner eigenen Spur. Bei mehrmaliger Betrachtung mag sich diese besser erschließen.
Weserkurier, von Sven Garbade


Utopischer Waschgang
Bremer shakespeare company feierte Premiere im Wasserturm

Eine Reise in eine utopische Welt, in der alle moralischen Grundfeste und Erinnerungen im Vollwaschgang geschleudert wurden, erlebten die Besucher der Premiere von „Pleasure Island“, dem neuen Stück der bremer shakespeare company am Donnerstag.
Schon beim Betreten des Aufführungsortes kam Abenteuerlust auf. Wer war schließlich schon mal in der umgedrehten Kommode? Ein Raum des Wasserturms war liebevoll in ein fantasievolles Laboratorium umgestaltet worden. Dort spielten die Inselbewohner ohne Scheu mit dem „Stoff, aus dem die Träume sind“. Gemeint war der Mensch. Kreative Genetik-Tüftler hatte es sich zur Aufgabe gemacht, ein besseres Geschöpf zu basteln. Die entstandenen Absurditäten der menschlichen Natur präsentierten sich dem Publikum passenderweise auf einer Art Catwalk.
Aufgefahren wurde in dem „Varieté-Experiment“ mit allem, was publikumstauglich ist. Ein Mix aus Puppentheater, akrobatischen Einlagen und dramatisch bis komischer Schauspielkunst. Dazu gab es jazzige, rockige aber auch exotische Klänge von der Band. Nachdem die optischen und akustischen Reize bedient wurden, ging es ans Eingemachte. Die Zuschauer mussten schon aufpassen, wollten sie die vielen Anspielungen auf Politik, Moral und Gesellschaft richtig deuten. > Am Ende blieb die Frage: Ist Lee Beagleys adaptierte Fassung von Shakespeares „Der Sturm“ ein Appell, Mut zur Individualität zu zeigen? Oder will er dem Publikum durch die halben Aha-Effekte beweisen, dass auch dieses schon einen Persönlichkeitsreinigungsprozess bei 95 Grad hinter sich hat? Viele Antworten blieben auf der Strecke. Fest steht nur: Eine wünschenswerte Zukunft zeigt diese Utopie nicht.
Weser-Report, von Annica Müllenberg


Vorwärts in die Vergangenheit
Die shakespeare company entfacht in der „umgedrehten Kommode“ Shakespeares „Sturm“ und zeigt die Welt, in der wir leben, in der Retrospektive
Dass die ersten Vorstellungen der neuen Produktion der Bremer Shakespeare Company schon vor der Premiere ausverkauft waren, mag nicht zuletzt an der Örtlichkeit liegen, an der die Bremer Shakespeare Company den zweiten Teil von Lee Beagleys “Sturm”-Bearbeitungen zeigt: Der alte Wasserturm auf der Werderhalbinsel, vom Bremer Volksmund liebevoll die “umgedrehte Kommode” getauft, war bislang schließlich höchstens am Tag des Offenen Denkmals zu besichtigen. Nun also Theater. Und das beginnt schon vor dem Stück, denn den Spielraum betritt man über ein Gerüst. Das soll Assoziationen wecken an die Treppen, die zur Kabine einer Weltraumrakete führen.
Oben angekommen, gruppiert sich das Publikum längs eines Laufstegs, an dessen Ende die Instrumente einer Band aufgebaut sind. Angekündigt ist “Shakespeares Pleasure Island” als “Cabaret-Cocktail”, und dazu gehört natürlich Musik. Schon werden wir in eine Zukunft entführt, in der das 20. Jahrhundert so etwas ist wie für uns das finstere Mittelalter. Eine Zeit, in der alles weit barbarischer war und die Menschen beschlossen, eine neue Welt zu schaffen. Eine bessere natürlich.
Wie schon bei Shakespeare wird dieses Projekt auf überschaubarem Raum durchexerziert. Die Insel, auf der Prospero seine Zauberkünste ausübt, ist zweigeteilt, die Menschen auf ihr natürlich auch. Da gibt es die Alpha-Typen und die Kategorie C – übrigens auch der Name einer politisch dubiosen Hooligan-Band aus Bremen. Und Fische kommen auch vor. Zwei Fische, die im nächsten Moment vergessen haben, was sie gerade gesagt haben. Der Abend beginnt sozusagen eher kleinteilig, das Assoziationsfeld ist weit. Und von Shakespeare ist zunächst auch nicht viel zu sehen.
Im weiteren Verlauf ändert sich zumindest das. Die Varieté-Form, in der sich hinreißende satirische Szenen mit Musikeinlagen abwechseln, erlaubt es auch, Motive des “Sturms” einzubauen. Allerdings fällt es innerhalb der zwei Stunden, die dieses Stück dauert, nicht immer leicht, den Überblick zu behalten. Zwar schält sich schon bald eine Botschaft heraus: ein Plädoyer für Individualität, und nicht zuletzt eine durchaus gewitzte Polemik gegen den grausamen Standpunkt, den Menschen vor allem auf seine Funktionalität für die Gesellschaft zu beurteilen.
Zurück zu den Fischen, zurück zur Kategorie C. Die einen werden in ihrem Ehrgeiz gezeigt, ihren Instinkt zu überwinden, nach mehr zu streben - “Stell dir vor, du könntest Sex genießen!” Die Menschen wiederum scheinen allzeit bestrebt, sich nur mehr als Rädchen im Getriebe einrichten zu wollen und ansonsten mit Hilfe von Drogen gezielt zu vergessen, was gewiss mit voller Absicht an Huxleys neue Welt erinnert. Hat natürlich mit der Kategorie C nichts zu tun, wobei fraglich ist, ob das nun eine weitere Anspielung in einem an Anspielungen alles andere als armen Stück ist, oder eher eine zufällige Namensgleichheit.
Womit wir bei der größten Schwäche des Abends wären: Zwar rechtfertigt der Varieté-Charakter die Aufsplitterung der Geschichte in eine Reihe von Nummern. Allerdings wird so etwas wie ein roter Faden durch das Stück nicht ganz klar, weshalb es sich am Ende in eine Reihe von Songs rettet, die nicht viel zum Verständnis beitragen. Dass man sich den Abend aber trotz einiger Längen und Undeutlichkeiten gern ansieht, hat seinen Grund unter anderem in den vielen wunderbaren Einfällen, mit denen Beagley und die Schauspieler der Company, die allesamt gekonnt ihr komödiantisches und auch musikalisches Talent ausspielen, die kleinen Szenen mit wenigen Requisiten liebevoll ausmalen. Fliegende Hüte, eine Flugreise mit gestressten Managern, die Bekenntnisse einer Flugbegleiterin – das sind echte Perlen, wie sie das Publikum der Shakespeare Company gewohnt ist. Und von diesen kleinen Perlen gibt es auf “Shakespeares Pleasure Island” einige zu entdecken.
taz nachtkritik.de, von Andreas Schnell


Das umgedrehte Kommode
Lee Beagley zeigt im Bremer Wasserturm den zweiten Teil seiner Sturm-Trilogie
Schon schön, mal rauszukommen. Mal was anderes sehen. Nicht wenige der Premierenbesucher, die nach zwei pausenfreien Stunden „Sturm“-Paraphrase die Stahltreppen am markanten rotsteinigen Gebäude herunter stiegen, dürften sich gedacht haben: Waren wir da also auch mal drin.
Bremische Menschen nennen den früheren Wasserturm mit Weserblick gern „umgedrehte Kommode“. Schon die Gründergeneration der Shakespeare Company soll versucht haben, dort spielend hineinzukommen. Nun ist es der zweiten bis dritten Kompanisten-Generation gelungen: Sie spielen „Pleasure Island“, den Mittelteil der „Sturm“-Trilogie des britischen Regisseurs Lee Beagley, die im vergangenen November mit dem Auch-Kinder-Stück „Caliban“ begann.
Dass es schwer sein kann in, mit und gegen einen groß dimensionierten Nicht-Theaterraum zu spielen, weiß man in Bremen allerspätestens seit Kresniks Bunker-Kraus. Wie damals wird auch hier der Abenteuer- und Eventcharakter hineingewebt in das Stück. Beagleys Theater setzt gerne fast unverschämt simple Mittel ein, um sich zu etablieren. Hier tragen zwei Figuren eine Karte der Insel einer Theaterlampe entgegen, markieren mit an Stäben geklebten Flugzeugsilhouetten die Position: Zuflug und Ankunft. Aus unerklärlichen Gründen landet das Publikum im Ex-Gefängnis. Und wohnt einer Art Revue bei, die den Sturm-Stoff ins 21. Jahrhunderts katapultiert. Das ist nicht falsch, kann man die expansive Selbstvergewisserung des metropolitanen Renaissance-Menschen doch durchaus in Richtung biopolitischer Hybris der Spätmoderne verlängern. Kann sich orientieren an der Überlegung, der äußere Kolonialismus habe sich im 19. Jahrhunderts und nachdem es keine Terrae incognita mehr gab ins Innere des menschlichen Körpers verlagert.
Markus Seuß zeichnet den Traum von einer sauberen Sache nach, stolziert dabei über den Laufsteg, der das Publikum in zwei Hälften unterteilt. Die beiden, die vorher die Karte trugen, halten in jede Richtung ein fernsehergroßes Vergrößerungsglas, das die Figur für uns riesig macht – und uns für die Figur. Ein Beobachtungsszenario. Verglichen mit Shakespeares Unterhandlungen aber auch mit der elegant-verspielten Stück-im-Stück-im-Stück-Logik von Beagleys „Caliban“ wirken die hier präsentierten Versuche zur „Verbesserung des Menschen“ qua Elektroschock- und Gen-Therapie bisweilen aber ein wenig plump: Das Genesis-Institut oder die Gehirnwaschmaschine.
Interessanter wird es, wenn Beagley die „umgedrehte Kommodheit“ bespielt, sich mit dem (An-)Genehmen auseinandersetzt. In einer ebenso bösen wie albernen Sequenz wird ein Image-Film der „Pleasure Island“-Betreiber nachgespielt: hektischer Büroalltag, eine Toilette, bei der man die Hände zum Arbeiten und Telefonieren frei hat, ein hochtechnisierter Urlaub – alles läuft auf den Erhalt der verwertbaren Arbeitskraft ohne Mucken aus. Oder Janina Zamanis Solo als Stewardess. Sie braucht nur einen Stuhl mit roten Kissen und weißem Luftballon mit Gesicht drauf, um den schmalen Grad von getakteter Dienstleistungsarbeit und Prostitution zu markieren: „Ich bin Service!“ Seuß’ Figur schließlich führt vor, wie man sich selber für den Wertschöpfungskreislauf herrichtet. Erst lässt er sich in einer bizarren Prozedur die langweiligen Erinnerungen tilgen, später präsentiert er ein Gerät, mit dem er sich selbst Stromschläge verpassen kann, wenn er eine Verfehlung begeht, faul ist oder unfreundlich.
Braucht es für all das eigentlich noch die Shakespeare-Bande? Ein wenig verloren betrachten Peter Lüchingers Quasi-Antonio und Erik Roßbanders Nahezu-Prospero, wie das Treiben von Bild zu Bild eilt. „Unsere Zukunft steht in den Sternen geschrieben“, sagt der eine, „sie steht in unserem Inneren geschrieben“, kontert der andere. Beider Bruderzwist wirkt wie eine wehmütige Erinnerung an längst vergangene Zeiten.
Ideenreich und schnell oft, leider auch mit thematischen Wiederholungen und einigem Durcheinander, schreitet „Pleasure Island“ voran – und tritt gelegentlich auf der Stelle. Anders als im „Caliban“ vertragen sich die einzelnen Ebenen nicht so gut, stehen einige Miniaturen wie Tim D. Lees Blues-Sänger, der erzählt, wie er, nachdem er fast alle Drogen ausprobiert hat, am liebsten die vergangenheitstilgende einnimmt, ziemlich verloren da. Reine Gegenwart.
Die vielleicht hübscheste Idee ist jenen vorbehalten, die der Mensch auf dem beschriebenen Weg vergessen hat: den Tieren. Seuß und Lee spielen zwei große Fisch-Figuren, die zeitlos, selbstvergessen und genügsam aus ihrem Glasaquarium herausglubschen. Sie interessiert die Frage nicht, warum sich ein trick- und ideenreiches Ensemble wie die Company um Beagley nie wirklich zwischen trashig-lärmend und verspielter Eleganz entscheiden kann. Am deutlichsten wird das bei der showbandartigen Kombo, zu der sich Musiker und Schauspieler immer wieder neu gruppieren. Doch ein bisschen zu kommod. Aber Fische haben ja keine Ohren. Immerhin können sie sagen: Im Wasserturm waren wir also auch mal.
Kreiszeitung, von Tim Schomacker


Williams Horror Picture Show
Sturm ist angesagt bei der Bremer Shakespeare Company - überall und immer wieder neu beleuchtet von Regisseur Lee Beagley. Es begann im vergangenen Winter mit der „Caliban“-Inszenierung im Concordia und wird Ende Juni als Multiartistisches Open-Air-Spektakel im Bremer Bürgerpark seinen Höhepunkt finden. In der Zwischenzeit können wir uns nun mit „Shakespeares Pleasure Island“ in Sturmlaune halten.
Lässt man die neueste Inszenierung nachwirken, könnte man meinen, Lee Beagley sei dabei, eine Versuchsanordnung aufzustellen. Bereits bei dem für ein jüngeres Publikum angelegten „Caliban“ überraschte er mit einem Ideensturm aus Bildern und Sichtweisen auf das als altersweise geltende Werk William Shakespeares. Nun geht er weiter und warnt das erwachsene Publikum im Programmflyer: „Vergessen Sie Ihre Vorstellungen von Zeit, Ordnung und Moral. Brave New World!” Was er damit meint, erleben wir in einer lustvoll demontierenden Revue aus Musik, Slapstick, Science-Fiction, Horror-Parodie und Zauber - sozusagen einer Art Rocky Horror Picture Show nach Motiven aus Shakespeares Sturm.
Wie soll man da eine zusammenhängende Handlung erklären? Als Zuschauer sollte man sich auf einiges gefasst machen und bloß kein Shakespeare-Original erwarten. Klar ist, wir befinden uns im zauberhaften Ambiente der „umgedrehten Kommode“, des ungewöhnlichen Wasserturms auf dem Bremer Stadtwerder, der in seiner Geschichte zum ersten Mal als Theaterspielort genutzt wird. Die bunt gepolsterten Stühle sind von zwei Seiten in Blickrichtung zu einer Art Laufsteg aufgestellt, der an beiden Enden in eine kleine Bühne mündet, auf denen zwei alte Brüder (Erik Rossbander und Peter Lüchinger: Zwei Seelen in einer Brust) über zwei verschiedene Welten herrschen, die sich immer mehr vermischen oder gar als nur eine erweisen. So wie diese Welten sind auch ihre merkwürdigen Bewohner teilweise wie Thesen und Antithesen gedoppelt. ?Befand sich im Westen dieser rätselhaften Vergnügungs-Insel schon immer ein Gefängnis, so entstand im Osten das Ferienziel Ambrosia, wo man mit ganz speziellem Spass, Wellness und „Coaching-Drill“ wieder fit gemacht wird für die Ausbeutung in der Arbeitswelt. Also letztendlich ein Gefängnis wie das andere. „Von oben“ hatte man überlegt, mit einer Neutronenbombe auf der Insel Menschenversuche durchzuführen, natürlich nur, um diese Welt zu einem besseren, sicheren Ort zu machen. Und wie der nun aussieht, wird nicht nur mit den exzentrischen Figuren, die das achtköpfige Ensemble spielt, gezeigt, sondern auch mit den irrwitzigsten Ideen aus Schauspiel, Puppenspiel und Tonkollagen. Bing macht es, ein Aufzug mit Liftboy, gespielt von vier Schauspielern, öffnet seine Tür, um den neuen Vergnügungstouristen in sein Paradies zu bringen. Bing. Alles geht hier vollautomatisch: Nach dem Händewaschen pustet Erik Rossbander als Turbo-Trockner dem Gast die Hände trocken. In einem Waschautomaten bekommt ein Sebastian Drum (Markus Seuss) mehr als eine Gehirnwäsche gegen Beziehungsprobleme und Miranda 2, eine Art Cyborg (Hannah Beagley), singt in der Band „Life on Mars“ von David Bowie. Die etwas blutarme Dame wurde in den Pleasure Island Labors als Ersatz für Papa Prosperos geliebte Tochter erschaffen, die mit dem Sohn seines Bruders nach Mailand durchbrannte. ?Unterdessen humpelt Caliban (Michael Meyer), eine glatzköpfige Horrorfigur aus verrückter Professor, Rumpelstilzchen und Psychopath, mit einer großen Schüssel, gefüllt mit einer bornierten Masse zum Schweigen gebrachter unzufriedener Menschen, halsbrecherisch über die Bühne.
Das Fragmentarische hat hier System und erinnert in einer Stunde und 45 Minuten nicht nur an Mel Brooks, Monty Python und Jacques Tati.
„Shakespeares Pleasure Island“ ist ein Spaß und macht uns schon jetzt neugierig auf den Sturm im Juni!
Diabolo, von Martina Burandt


Plädoyer gegen Gentechnik
„Shakespeare’s Pleasure Island“ in der Umgedrehten Kommode
Theaterstück, Revue, Kabarett oder Variete? Die Zuschauer in der umgedrehten Kommode waren sich bei der Beantwortung dieser Frage nach Ende der Premiere von „Shakespeare’s Pleasure Island“ am Donnerstag vergangener Woche nicht einig. Allein bei der Beurteilung der bravourösen Inszenierung Lee Beagleys gab es keine zwei Meinungen.
Der zweite Teil von Beagleys Sturm-Trilogie spielt – wie im Original – auf einer Insel. Diese dient Besuchern als Vergnügungspark und ist in Ambrosia so wie ein Gefängnis unterteilt. Was Prospero dort in seiner Zauberwerkstatt mit den mehr oder weniger freiwilligen Knast-Probanden treibt, erinnert dabei deutlich mehr an Huxleys „Schöne Neue Welt“ als an Shakespeares Sturm.
Der Zauberer versucht, den perfekten Menschen zu basteln und schreckt selbst vor Familienmitgliedern nicht zurück.
Beagley reiht ohne klar erkennbaren roten Faden einzelne Szenen aneinander.
Da rührt beispielsweise der von Michael Meyer grandios interpretierte Caliban in der menschlichen Gehirnsuppe, oder es kommt die sturzbetrunkene Hexe Sykorax direkt aus der Kneipe zu einer Magievorstellung. Besondere Erheiterung bescheren zwei Fische, bei denen vor allem fehlendes Erinnerungsvermögen für Lacher sorgt. Dazwischen gibt es immer wieder Musik.
Und obwohl aufgrund der einzelnen Fragmente zunächst keine richtige Geschichte zu erkennnen ist, entsteht letztlich ein Plädoyer gegen Gentechnik sowie die Technisierung der modernen Welt.
Großer Wert wird bei der Inszenierung auf fantasievolle Bilder gelegt, die auf den durch eine Steg miteinander verbundenen gegenüberliegenden Bühnen immer wieder entstehen. Beeindruckend ist dabei vor allem, wenn Beagleys Tochter Hannah als genmanipulierte Prospero-Tochter Miranda den Bowie-Klassiker „Life on Mars“ intoniert, oder wenn der Narr zum Schluss mit Lichterketten behangen in einem durchsichtigen Ballon von Bühne zu Bühne rollt.
Abgesehen davon, dass das Stück zum Ende in die Länge gezogen wirkt, ist der bremer shakespeare company mit „Shakespeare’s Pleasure Island“ eine bitterböse Satire sowie ein kleines Meisterwerk gelungen. Und es erweist sich als Fest für die Schauspieler, die als Ensemble komplett überzeugen.
Bremer Anzeiger, von Martin Märtens


Shakeapeare’s Pleasure Island
Einmaliges Gastspiel im alten Wasserturm
In luftiger Höhe inszeniert die bremer shakespeare company eine Welt, die es nicht gibt. Oder doch?
Im alten Wasserturm (1873) auf dem Stadtwerder wird einer Art Utopia gehuldigt. Mit viel Magie, giftigen Wortpfeilen und rauschender Musik erzählt das „Variete-Experiment“ vom Irrsinn unserer modernen Welt und nimmt satirisch alles vom Technik-Wahn, über Kluburlaub bis zur Genforschung unter die Lupe. Mit „Shakespeare’s Pleasure Island“ hat Lee Beagley eine bitterböse Inszenierung geschaffen. Die Grundmotive liefert Shakespeares letztes Drama „Der Sturm“. Stürmisch und anprangernd ist dieses Werk voller Visionen einer besseren Welt. Der alte Industriecharme im Wasserturm unterstreicht die teuflisch-magische Atmosphäre wunderbar.
Schade, dass der prächtige Turm mit dieser Inszenierung ein einmaliges Gastspiel als Theaterort gibt. Der Kuppelsaal unterm Dach des historischen Baus ist ein echtes Erlebnis, das fantasievolle Spiel der bremer shakespeare company auch. Viel Applaus.
Bild, Bremen, von Corinna Laubach


Mit Ariel-Lines zur Insel ungebrochenen Vergnügens
Die bremer shakespeare company verbindet in der „umgedrehten Kommode“ Shakespeare und Huxley auf dem „Pleasure Island“
Eine „Schöne neue Welt“ – das ist nicht nur der (bei Shakespeare entlehnte) Titel eines utopischen Romans von Aldous Huxley (1932), sondern gut 300 Jahre zuvor auch das Ziel von Shakespeares Magier Prospero, der vor den Ränken des Mailänder Hofes und seines usurpatorischen Bruders geflohen und sich ein magisches Eiland untertan gemacht hat. Aber wie Prosperos scheinbare Idylle nach dem titelgebenden „Sturm“ zerbricht, weil dieser zugleich die autoritären Voraussetzungen bloßlegt, ist auch Huxleys „Brave new world“ nur unter diktatorischen Bedingungen möglich.
Was lag also näher, als diese beiden wichtigen Texte der Weltliteratur miteinander in Beziehung zu setzen und zu prüfen, welche Relevanz sie vielleicht in Bezug zur heutigen Sehnsucht nach einer schönen neuen Welt, nach möglichst ungetrübtem Vergnügen haben. Dieser Aufgabe hat sich das Team der bremer shakespeare company um Spielleiter Lee Beagley gestellt und dafür das gesamte Haus am Leibnizplatz verlassen.
„Pleasure Island“ wird in der sogenannten „umgedrehten Kommode“ auf dem Stadtwerder gespielt, einem historischen, aber eher unwirtlichen früheren Wasserturm zwischen Baustellen, auf denen Nobelwohnungen entstehen. Der Spielort ist spannend. Das Publikum sitzt beiderseits eines Längssteges, an beiden Enden jeweils eine vielseitig nutzbare Spielfläche, die Rockband hat Platz vor den hohen Fenstern, hinter denen es im Verlauf des Spiels langsam dunkel wird.
Erzählt wird eigentlich keine Geschichte: man muss die Motive aus Shakespeares „Sturm“ und Huxleys Roman schon ziemlichgut kennen, um den wilden Assoziationen wirklich folgen zu können. Oder man verzichtet darauf, zu verstehen und widmet sich einfach dem artistisch-komödiantischen Spiel des siebenköpfigen Ensembles, das sich eine Fülle von Figuren teilt.
Da wird der Luftgeist Ariel zur Stewardess, die Passagiere auf ihrem Flug auf die Inseln des Vergnügens begleitet, Statler & Waldorf (?) kommentieren als Fische, die Hexe Sykorax und ihr Sohn Caliban, einst Herrscher über das Eiland, bis sie von Prospero unterjocht wurden, rebellieren gegen ihr Schicksal; Caliban panscht in der Homunkulus-Brühe herum, aus der Huxleys Herrscher je nach Anforderungsprofil die neuen Menschen züchten, die das ungeteilte Glück in dieser schönen neuen Welt Glückspillen verdanken – und ein vermeintlich tumber Tor tappt wie einst Charlie Chaplin durch die modernen Zeiten. Die knapp zwei Stunden dieses wilden Ideen- und Bildertheaters sind voller physischer Sprünge und gedanklicher Volten, manches Bild überzeugt, vieles bleibt rätselhaft. Glänzend ist die Band mit ihrer Sängerin, zu der Prosperos Tochter Miranda mutiert (Hannah Beagley, Musik Andy Frizell). Beeindruckend auch der Einsatz des vielseitig wandlungsfähigen Ensembles (Janina Zamani, Gunnar Haberland, Michael Meyer, Tim D. Lee, Peter Lüchinger, Erik Roßbander und Markus Seuß) und aller hinter den Kulissen. Allein: die letzte Begeisterung mochte sich bei mir nicht einstellen. Denn ich persönlich bevorzuge bei aller Offenheit gegenüber theatralischen Experimenten ein eher erzählendes, interpretierendes Theater, das sich neuer oder alter, wie jüngst bei „Verlorene Liebesmüh“ im gleichen Hause auch selten gespielter Texte auf andere überraschende Weise annähert. Von Huxleys Thesen ausgehend zu überprüfen, wo die Utopie des scheinbar edlen Menschen Prospero ihre gewaltsamen, diktatorischen Wurzeln und Strukturen hat, wäre für mich spannender gewesen. Deswegen freue ich mich nun umso mehr auf die Premiere des „Sturm“ am 30. Juni im Bürgerpark.
Cuxhavener Nachrichten, von Hans-Christian Winters