König Lear

von William Shakespeare

Übersetzung: Rainer Iwersen.
Regie: Bernd Freytag.
Musik: Mark Polscher.
Bühne: Christine Gottschalk.
Kostüme: Heike Neugebauer.

Mit: Svea Auerbach, Tobias Dürr, Tim Lee, Peter Lüchinger, Theresa Rose, Erik Roßbander, Petra-Janina Schultz, Markus Seuß.

Als der alternde König Lear sein Reich unter seinen drei Töchtern aufteilen will, um fortan den Rest seines Lebens als Gast ohne Regierungsverantwortung bei ihnen zu verbringen, stellt er sie auf eine „Liebesprobe“ - die Initialzündung seines Niedergangs in den Wahnsinn.
Im Lear geht es um das NICHTS. Um das Gefühl des NICHTS, der Vergeblichkeit, wie geht Lear damit um, als das Konstrukt seiner selbst als König zusammenbricht?

Trailer


Pressestimmen

Der alte Mann will nicht mehr
Die Welt in Scherben, die Menschen ohne Halt: die bremer shakespeare company zeigt „König Lear“

Ein Vater teilt sein Erbe unter seinen Töchtern auf und setzt damit eine Welle von Unheil und Gewalt in Gang. Die Bremer Shakespeare Company zeigt „König Lear“ in der Inszenierung von Bernd Freytag als dichte, flott gespielte Parabel über eine von Egoismen durchzogene und darum zum Scheitern verurteilte Welt.
Der König ist von Beginn an nicht mehr als ein alter Narr: Lear stakst ohne Hosen durchs Publikum auf die Bühne. Nur eine grüne Tunika mit weißem Nachthemd darunter trägt er, dazu Slipper an den Füßen. Die Krone hält ihm seine jüngste Tochter demütig hin – doch er will sie gar nicht mehr.
Der Herrscher möchte in Rente gehen, vielleicht ist er ausgebrannt, vielleicht nur müde; ob er jemals ein weiser König war, es darf bezweifelt werden. Denn Lear (Erik Roßbander) agiert als verstockter Egomane, dem seine Töchter Goneril (Svea Meiken Auerbach) und Regan (Petra Janina Schultz) das gesamte Reich locker abschmeicheln können. Die dritte, Cordelia (Theresa Rose), neigt nicht zu Übertreibungen und wird daraufhin genauso verstoßen wie der loyale Graf von Kent (Tobias Dürr), die mahnende Stimme der Vernunft. Merke: Wer mir nicht das vorgaukelt, was ich sehen und hören möchte, der muss gehen.
Auf leerer schwarzer Bühne mit weißem Rund im Vordergrund lässt Bernd Freytag seine acht Akteure die Parabel um den alten König Lear spielen, den Goneril und Regan ganz bald kalt lächelnd vor die jeweiligen Türen setzen, und der dann völlig umnachtet herumirrt. Freytag hat das Drama zum Teil neu strukturiert und den von Rainer Iwersen übersetzten Text auf wesentliche Passagen konzentriert; einen Teil des Geschehens lässt er von einem Chor erzählen, der mehrgesichtige Hofnarr (Tobias Dürr) schlüpft zudem zudem in eine Kommentatorenrolle. Dieses Konzept bekommt dem Stück äußerst gut und beschert der zweistündigen Inszenierung große Dichte. Zudem drückt Freytag aufs Tempo: Auf der Bühne (gestaltet von Christine Gottschalk) ist immer ist etwas los, die Auf- und Abgänge über die vier breiten Treppenstufen, die nach hinten in ein schwarzes Nichts führen, sind eng getaktet.
Das Nichts findet sich auch auf der Bühne – es umwabert die Akteure wie zäher Londoner Nebel und lässt sie mit ihrer Gier und ihrer Selbstbezogenheit letztlich ins Leere laufen. Alle sind sie eingesponnen in ihre eigenen kleinen Welten, Beziehungen sind rein funktional und höchst fragil. Das gilt für Goneril und Regan, die Svea Meiken Auerbach und Petra-Janina Schultz als Frauen spielen, die ihren lang unterdrückten Hass auf den Alten erst mühsam und dann gar nicht mehr im Zaum halten. Dann richtet ihr Misstrauen sich gegeneinander.
Das gilt sowieso für Lear – den Erik Roßbander auf seine großartige Art als Mischung aus Kindskopf, Verzweifelten und völlig dem Wahn Verfallenen angelegt hat. Und es findet sich in der Parallelhandlung um Gloucester (Peter Lüchinger), der sich von seinem Sohn Edmund auf einfältigste Weise über den Löffel balbieren lässt. Edmund, den Tim Lee tänzelnd und mit geschminkten Lippen als Stutzer gibt, ist nicht so durchschaubar wie die anderen Figuren, weil er sich das nicht leisten kann. Als illegitimer Sohn steht er außerhalb der höfischen Rangordnung, hat aber gelernt, sich durch Intrigen einen Zugang nach oben zu verschaffen. Daher ist er äußerst geschickt und skrupellos und kann jedem nach dem Mund reden, jedem das Gefühl verschaffen, geliebt zu werden. Deshalb bringt er es sehr schnell sehr weit. Sein einfältiger Halbbruder Edgar (Markus Seuß) weiß sich vor ihm nur zu retten, indem er sich als entlaufener Irrer Arm Tom tarnt.
Die Welt geht ziemlich zügig in Scherben, nachdem Lear die Verantwortung für sie auf so fahrlässige Weise abgegeben hat und es nur einen korrupten Emporkömmling gibt, der den Willen zur Macht hat. Auch Edmund scheitert zum Schluss, und selbst da muss der allgegenwärtige Narr sogar noch ein wenig Schicksal spielen.
Am Ende sind viele tot und der alte, müde König hat die Krone dann doch wieder auf dem Haupt. Im Stück stirbt er in der letzten Szene, in der Inszenierung von Bernd Freytag sitzt er mit leerem Blick am Bühnenrand. Was wahrlich nichts Gutes verheißt.

Weser-Kurier, 29.12.2014. Von Iris Hetscher


Der Regent in Unterhose
PREMIERE: König Lear bestreitet in der shakespeare company als hinreißend Verwirrter einen dichten Theaterabend. Eine nüchterne Familienkrise ersetzt düsteres Schicksal

Sie müssen einem einfach Leid tun, die bösen Töchter König Lears. Denn selbst, wenn er sie in Unterhose über die Bühne kriechend tyrannisiert, bleibt ihr Vater doch hinreißend sympathisch. Ohne Krone und Tamtam verkörpert Erik Roßbander den altersschwachen Regenten als ehrfurchtgebietende Autorität.
Dabei wollte er die Macht doch eigentlich aus der Hand geben, so der Aufhänger von Shakespeares Tragödie. Er will sie seinen drei Töchtern überlassen – in Anteilen, die ihrer Liebe zum Vater entsprechen. Während sich die ersten beiden im eingeforderten Liebesbeweis überschlagen, schweigt die jüngste demütig. Lear erkennt ihre Ehrlichkeit nicht, verstößt sie, weil er dem Schein schöner Worte erlegen ist.
Die Sprache ist im Stück durchweg trügerisch. Lügen und Briefe mit gefälschten Absendern bringen das Reich gar an den Rand der Zerstörung. Katastrophen, die sich abwenden ließen, wenn man miteinander sprechen könnte. Wo die Möglichkeit von Kommunikation so grundsätzlich verneint wird, bleibt nur der psychologische Blick ins Innere.
Und den fixiert Regisseur Bernd Freytag inmitten der sonst schwarzen Bühnenlandschaft als schlichten weißen Kreis. Ein Spotlight, das die Umwelt ausschließt und den Schauspielern Raum lässt, die unfeinen Züge ihrer Charaktere zu entwickeln, ohne sie zu überzeichnen. Das gilt besonders für den unschwer als demenzkrank zu lesenden König. Man mag ihn sich als häuslichen Pflegefall vorstellen, als ein solcher vorgeführt wird er aber nicht.

Das Übernatürliche erscheint als Ausgeburt des Wahns – immer irgendwie präsent, aber nur Akzentuierung eines sehr weltlichen Elends

Freytag versteht es, die Konstellationen einer zerrütteten Familie aus dem schicksalsschweren Stoff zu bergen. In seiner geschickten Choreografie der Auf- und Abtritte entfalten sich die Intrigen, Zerwürfnisse und Bündnisse. Das funktioniert auch deshalb so überzeugend, weil die gesamte Besetzung aufmerksam zusammenspielt.
Von den Rändern her scheint Shakespear´sches Zauberwerk auf. In jeder Schicksalsnacht etwas, die Lear vor den Toren im Sturm verbringt. Vom Wahnsinn, Geistern und allerlei Teufeln geplagt, irrt er in Begleitung seines Narren umher – eine gespenstische Figur, die Tobias Dürr mit tänzerischer Unwirklichkeit verkörpert. Masken hängen an seinem Gürtel, deren Münder sich in der Bewegung tonlos plappernd öffnen. Das Übernatürliche erscheint als Ausgeburt des Wahns – immer irgendwie präsent, aber nur Akzentuierung eines sehr weltlichen Elends. Und das vermag es tatsächlich, ein mehr als zwei Stunden langes, ausgesprochen dichtes Bühnengeschehen zu tragen.
Die heimlichen Heldinnen sind im Grunde alltägliche Figuren: Zwei überforderte Geschwister, die sich den Launen des Vaters im Tausch für ein Erbe aussetzen, während die unschuldige Dritte in der Ferne weilt. Dass da nebenbei ein Königreich zerfällt, ist eine Randnotiz. Lear nimmt Krone und Zepter als Insignien der politischen Macht erst wieder in die Hand, als alles vorbei ist und er als glücklich seniler Alter bei der Lieblingstochter sitzt: Sein kleines Happy End zwischen Leichen.

taz, Sonnabend/Sonntag, 29./30. November 2014. Von Jan-Paul Koopmann


Der bremer shakespeare company ist mit König Lear von Bernd Freytag ein rasantes, mit bösem Humor durchsetztes Meisterstück gelungen. Vorausgesetzt, dass man die Handlung und die Beteiligten kennt, kann man sich zwei Stunden lang – ohne Pause – wohlig schaudernd in diese dunkle Welt voll Egoismus, Verlogenheit, Neid und Missgunst hineinziehen lassen.
Lear (Erik Roßbander) agiert als verstockter alter Mann, der sich von seinen Töchtern lieber mit Lügen, einlullen lässt, als die Wahrheit zu ertragen. Doch wie so häufig bei Shakespeare wird im Laufe des Spiels jede Intrige aufgedeckt und endet böse.

Weser-Report, Sonntag, 30. November 2014.Von Britta Suhren.


Die Bremer Shakespeare Company zeigt „König Lear“ als Abgesang auf die Autorität
Alter Waise statt altersweise

Von nichts kommt bekanntlich: nichts. Faule Schüler bekommen diesen Sinnspruch eingetrichtert, Unternehmer versehen mit ihm ihren Bildschirmschoner, aufstrebende Fußballer tätowieren ihn sich in den Arm. Dabei war er so nie gemeint.
Bei Lukrez jedenfalls, dem die Urfassung gemeinhin zugeschrieben wird, heißt es noch: „Nichts kann je aus dem Nichts entstehen durch göttliche Schöpfung.“ Gemeint war damit, dass den Göttern keine Einmischung in den Lauf der Welt möglich sei, dass der Mensch deshalb auch nicht auf ein Leben nach dem Tod hoffen dürfe – gerade deshalb aber erst recht unbeschwert im Hier und Jetzt leben soll.
Irgendwann in den vergangenen zweitausend Jahren muss dem Satz ein fatales Missverständnis widerfahren sein. Und es spricht einiges dafür, dass dies noch vor dem 17. Jahrhundert geschah, vor dem Erscheinen von William Shakespeares tragischem König Lear. „Aus nichts“, blafft dieser seine Tochter an, „kann nichts entstehen!“ Womit er meint: Erst, wer dem Alten in blumigen Worten die Tochterliebe bekundet, darf auf Erbschaft hoffen. Das ganze Drama der Neuzeit spiegelt sich in diesem Satz, die calvinistische Arbeitsethik wie die kapitalistische Ökonomie, der moderne Autoritätsbegriff wie das Ringen um Generationengerechtigkeit.
Am Donnerstagabend hatte das Stück an der Bremer Shakespeare-Company Premiere, auf einer Bühne, deren karge Ausstattung dazu geeignet ist, gleich das ganze breite Themenspektrum auf einmal abzudecken. Hinten führt eine Treppe aus den Höhen der Macht hinab in die Tiefebene der Intrige. Vorne markiert ein weißer Kreis den imaginären Scheinwerferkegel, in dessen Mitte sich Alte und Junge, Väter und Töchter, Mächtige und Ohnmächtige an dem Nichts und seinen Folgen abarbeiten.
Das geschieht einerseits in reduzierter Form, ohne nennenswerte musikalische oder optische Effekte. Andererseits lautstark, wobei der Quell des Geschreis sich verschiebt im Laufe dieses Abends. Anfangs sind es die Patriarchen, die im herrischen Duktus der Macht ihre Befehle über die Bühne donnern. „Welche von euch liebt mich nun wohl am meisten?“, brüllt ein stolz daherschreitender König Lear (Erik Roßbander) seine drei Töchter an. Und als die ersten zwei (Petra-Janina Schultz als Regan und Svea Meiken Auerbach als Goneril) schlangenhaft mit süßen Worten ihre Hochachtung bekunden, die gute Cordelia (Theresa Rose) aber angeblich vor lauter Vatervertrauen einfach „nichts“ sagt, verstärkt sich das Brüllen durch zusätzliches Weinen. Von nichts komme nichts!, ruft‘s da aus dem mächtigen Körper: „Fort! Mir aus den Augen!“
Auch im Hause Gloucester wird gerne väterlich gebrüllt, die Vorstellung, dass der geliebte Sohn Edgar ihn womöglich meucheln will, macht den Alten (Peter Lüchinger) schier verrückt. „Schurke! Schurke!“, geifert er: „Verruchter Bube!“
Am Ende, als die gefallenen Patriarchen nichts mehr ersehnen als die Versöhnung mit den von ihnen zu Unrecht verstoßenen Kindern, ist bloß noch leises Stammeln zu vernehmen. Dann sind es die Jungen, die im Kasernenhofton Befehle über die Bühne kreischen, einander Land, Besitz und Liebhaber neidend. Die Kultur des Patriarchentums, jener Autorität, die sich aus nichts speist als dem bloßen Alter, trägt als Früchte Hass und Unverstand. Nur einer scheint während all dem den Überblick zu behalten: der Earl von Kent, der zugleich auch als Narr auftritt, fantastisch interpretiert von Tobias Dürr als mysteriöses weiß maskiertes Wesen, flüchtig und agil. „Du hättest nicht alt werden sollen, bevor du nicht weise geworden wärst“, erklärt es dem verstörten Lear dessen unerwarteten Absturz in die Bedeutungslosigkeit. Und bringt damit das Problem einer pauschalen Verknüpfung von Alter und Autorität auf den Punkt. Zur Seite steht ihm dabei Rainer Iwersens Übersetzung, die anstelle tradierter Begrifflichkeiten wie „Hoheit“ zu spezifisch patriarchatskritischen Vokabeln greift („Ihr habt etwas in eurem Wesen, das ich gern ‚Herr‘ nennen möchte: Autorität!“). Darstellerisch wird das alles sehr überzeugend verwirklicht, insbesondere von Erik Roßbander, der Lear in seiner Verzweiflung einen Rückzug ins Kindliche einschreibt. Markus Seuß gelingt es, im von Gloucester verstoßenen Sohn Edgar so etwas wie Lebenserfahrung aufscheinen zu lassen, allenfalls Tim Lees Edmund wirkt allzu klischeehaft schnöselig und verschlagen. Und doch würde man sich in dieser auf Werktreue und historische Kostüme setzenden Inszenierung schärfere Akzentuierungen wünschen. Weil unklar bleibt, was sich aus einem von Begriffen wie Dankbarkeit und Autorität geprägten Generationenverhältnis konkret ergibt, stellt sich streckenweise Langeweile ein.
Wie etwa erklärt sich Cordelias Rückkehr zu ihrem Vater? Ist es tatsächlich Liebe, die sie zu diesem Schritt bewegt oder vielmehr Genugtuung? Regisseur Bernd Freytag scheint dieser Frage mehr auszuweichen als sie zu beantworten, wenn er die verstoßene Tochter als engelsgleiche Jeanne d‘Arc mit weißem Kleid und Brustpanzer präsentiert. Eine Märchenfigur, so erscheint sie, eine bloße Illusion, wie sie sich der alte Lear nur erträumt: Fantasiebilder eines alten Waisen statt eines Altersweisen. Das allerdings passt dann nicht mit Edmunds sehr realen Überlegungen zum weiteren Umgang mit diesem Paar zusammen.
Vielleicht war es auch einfach nur ein bisschen zu viel, was diese Inszenierung an einem einzigen Abend erzählen wollte. Aber das kann bei Shakespeare leicht passieren.

Kreiszeitung, 29.12.2014. Von Johannes Bruggaier.


Müder alter König
Bremer Shakespeare Company zeigt „König Lear“

„Ich zeige dir ein Land in schwerer Krankheit. Die Krankheit sind die Menschen, die darin leben“, tönt es aus dem Off. Und damit ist eingangs schon gesagt, was uns Regisseur Bernd Freytag mit seiner Inszenierung von William Shakespeares Tragödie „König Lear“ zeigen will.
Der alte König Lear ist seines Amtes müde. In seinem Reich geht es drunter und drüber. Als er sein Reich unter seinen drei Töchtern aufteilen will, stellt er sie auf eine Probe, welche ihn am meisten liebt. Zuletzt befragt er seine Jüngste, Cordelia, sein Liebling. Doch die ist, im Gegensatz zu ihrem kindischen und selbstgefälligen Vater und ihren beiden Schwestern wenig eitel und machtbesessen und vor allen Dingen ist sie ehrlich. Geradeaus sagt sie ihrem Vater, wie sie zu ihm steht und dass sie sein Amt nicht aus Liebe, sondern aus der ihr angeborenen Pflicht erfüllen würde. Der alte Vater fühlt sich in seiner patriarchalen Eitelkeit tief verletzt. Wütend und ohne Mitgift überlässt er Cordelia zur Heirat dem König von Frankreich. Ihre beiden älteren, falschen Schwestern dagegen begünstigt er. Doch Dummheit, Blindheit und Herzlosigkeit rächen sich. Denn Goneril und Regan haben den alten Vater bald schon satt. Undankbar und garstig schieben sie ihn ab und treiben das Land weiter in den Ruin. Am Ende zieht ein Blutbad nach dem anderen beinahe alle in den Tod.
Der gut zweistündige, pausenlose Theaterabend, unter der Regie von Bernd Freytag und in der Übersetzung von Rainer Iwersen, beginnt mit einem beeindruckenden Anfangsbild. Strahlend und charismatisch kommt Theresa Rose als Lears jüngste Tochter Cordelia auf die Bühne, die Krone wie einen Schatz in den Händen. Gleichzeitig hört man Donnergrollen und das schwere Rattern und Klirren von Maschinen macht klar, dass es kracht im Getriebe. Bernd Freytag, der deutschlandweit ein bekannter Name in der Regielandschaft ist und der früher mit Einar Schleef und Volker Lösch zusammen gearbeitet hat, inszeniert zum ersten Mal im Theater am Leibnizplatz. Seine Regiearbeit zeigt deutlich weniger Doppelbesetzungen, als sonst bei der bremer shakespeare company üblich. Fast das gesamte Ensemble der bsc steht in „König Lear“ auf der Bühne. Freytag findet im kargen Bühnenbild – eine Treppe, die sich quer über die Bühne ausbreitet – (Bühnenbild: Christine Gottschalk) beeindruckende Standbilder für die tragische Handlung. Doch wirkt die Inszenierung oft spröde, weil nicht für jede Idee, für jeden Gedanken eine überzeugende Spiellösung gefunden wurde, die es dem Zuschauer erleichtern würde zu folgen. Insgesamt hätte dem Handlungsbogen eine spannendere Dramaturgie gut getan. Die meisten Figuren zeigen wenig Tiefe und auch sprachlich gibt es wenig Nuancen; so wird auch viel geschrieen.
Schauspielerisch fällt Tobias Dürr als Narr besonders positiv auf. Seine körperliche Präsenz sowie sein Spiel mit unterschiedlichen Masken, die, wie das Werkzeug eines Handwerkers, an seinem weißen hautengen Anzug (Kostüme: Heike Neugebauer) hängen, ist konsequent durchgehalten und bizarr. Er spielt als Narr den klugen Gegenpart zum König. Erik Roßbander, zeigt den Lear daneben als überforderten, sabbernden Schreihals in Unterwäsche; als einen müden, beinahe dementen, alten Mann. „Du bist alt wie die Zeit“, sagt er zu Lear. „Du hättest nicht alt werden sollen, bevor du nicht weise geworden bist.“
Ein wunderbar ungleiches Paar, diese beiden.

Diabolo, Oldenburg, 4. Dezember 2014. Von Martina Burandt


Download


zurück zur Übersicht