Romeo und Julia

von William Shakespeare

2:00 ohne Pause

Übersetzung: Rainer Iwersen
Regie: Nora Somaini
Bühne: Ulrich Leitner
Kostüme: Lucie Travnickova
Dramaturgie: Sonja Bachmann
Video: Till C. Juon

Mit: Svea Auerbach, Tim Lee, Peter Lüchinger, Theresa Rose, Markus Seuß

Zwei Bürgerhäuser, gleich an Vornehmheit
(Der Schauplatz ist Verona, wie bekannt),
Treibt alter Hass erneut zu offnem Streit,
Und Bürgerblut befleckt die Bürgerhand.

In diesem Klima siedelt William Shakespeare Ende des 16. Jahrhunderts seine Geschichte von Romeo und Julia an: Die Bewohner Veronas leben in der Atmosphäre einer aggressiven Anspannung. Sie reagieren impulsiv und schlagen genauso schnell zu wie sie sich verlieben, sie sind wenig einfühlsam oder überlegt und sie agieren wechselhaft und mit großer Emotionalität. Ihr Verhalten ähnelt jenem von Menschen mit Borderline-Syndrom, Burn-out oder Depression - Diagnosen, die in der „pathologischen Landschaft des 21. Jahrhunderts“ angesiedelt sind (Byung-Chul Han in „Müdigkeitsgesellschaft“).
Fünf Menschen, die unsere Zeitgenossen sein könnten und die unter den krankhaften Symptomen von Überforderung, Leistungsdruck und dem Zwang zur permanenten Selbstoptimierung leiden, treffen in einem Sanatorium aufeinander.
Das Klima zwischen ihnen ist ähnlich wie in Shakespeares Verona aufgeladen von aggressiver Anspannung und verdrängten Ängsten. Mit dem Spielen von Shakespeares “Romeo und Julia” sollen sie wieder Zugang zu ihren verschütteten Gefühlen finden.
Nach und nach identifizieren sich die fünf immer mehr mit Shakespeares Dramenfiguren. Indem sie deren Konflikte ausagieren, entdecken sie ihre eigenen Bedürfnisse und Möglichkeiten und entwickeln ein Ventil für ihre verdrängten Emotionen.

Trailer


Pressestimmen


Von Memmen und Powerfrauen
Das berühmteste Liebespaar der Welt ist wieder im Theater am Leibnizplatz zu sehen

Italienische Machoallüren von Frauen und in Tränen aufgelöste Männer: In der neuen Inszenierung von „Romeo und Julia” der Bremer Shakespeare Company haben die Damen die Hosen an.

Es war ein Sturm der Vorahnung, der die Premierenbesucher am Donnerstag in das Theater am Leibnizplatz wehte. Das Programm versprach ein Wiedersehen mit dem berühmtesten Liebespaar der Welt: Shakespeares „Romeo und Julia”. Oder besser doch „Julia und Romeo”? Die Regisseurin Nora Somaini prophezeite im Vorfeld eine Herangehensweise, die nach Emanzipation und Gruppentherapie klang. Ein Romeo auf der Couch? Eine Julia in der geschlossenen Abteilung? Keine Angst - der analytische Blick in die menschliche Seele ist nur anfangs etwas verstörend. Die Protagonisten werden als Burnout-Patienten vorgestellt. Um wieder zu sich zu finden, absolvieren sie Qigong-Übungen und schlüpfen in die Rollen der Capulets und Montagues. Der Tragödienstoff und die Charaktere der Personen verflechten sich daraufhin immer mehr. Während sich der Zuschauer noch unschlüssig ist, ob man die Menschen des damaligen Veronas mit denen eines heutigen Sanatoriums Liebe auf den ersten Blick vergleichen kann, weiß Julia (Theresa Rose) ganz genau, was sie vom Leben erwartet: Sex, Freiheit und Party. Sofort reißt die Punkgöre die Aufmerksamkeit an sich. Mit flotten Sprüchen, kessen Blicken und einer zwiespältigen Seele gehört sie zu den starken Personen. Sie bekommt die Möglichkeit, die ganze Klaviatur der Menschlichkeit exzessiv auszuspielen, weil Rose auch die Rolle des Mercutio mimt. Dieser ist ein junger Prolet, randvoll mit Testosteron, dem schon ein falscher Blick zur Handgreiflichkeit reizt. Auf Powerfrau setzt die Regisseurin auch bei der Amme (Svea Auerbach) - heulen können die Buben. Sie ist ein zünftiges Vollblutweib und unterstreicht das gern mit Machoposen. Die Männer ergeben sich ihrem Schicksal und erscheinen neben den starken Ladys gewollt weich. Der erste Anblick Romeos (Markus Seuß) ist dessen Hinterteil. Der Rest steckt in einem Bettbezug fest. Das Gemisch dieser Charaktere ist mit witzigen Dialogen gepfeffert. Gespannt beobachtet man ihre Ausbrüche, fiebert mit und ist angewidert. Die Exzentriker brauchen so viel Raum für ihre Entfaltung, dass sie keinen Platz für ein romantisches Bühnenbild lassen. Zur Balkonszene kommt es nur weil Romeo seine Angebetete auf eine Leiter schickt. Die Leidenschaft des Paares ist zuckersüß. Und schafft es, ohne Kitsch auszukommen. Komische Dramatik ist der Stoff, aus dem diese Geschichte gestrickt ist. Und so reicht der Julia am Ende auch nicht ein Stich ins Herz, um zu sterben - ein angedeutetes Gemetzel muss es schon sein. Nora Somaini ist ein packender, knackiger Zweistünder mit abwechslungsreichem Rollenspiel gelungen. Die Zuschauer durchleben alle Höhen und Tiefen der Liebeskranken.

Bremer Anzeiger, Annika Müllenberg, 20.10.2013


Therapeutisches Experiment

Zugegeben, es ist eine interessante Überlegung: Warum eigentlich verhalten sich die Figuren in „Romeo und Julia“ so eigentümlich?
Romeo zum Beispiel verliebt sich von einem Tag auf den anderen in Julia, als ihn Rosalind hat abblitzen lassen. Etwas flatterhaft, der Gute? Und der Familienzwist der Capulets und Montagues eskaliert ebenfalls bemerkenswert schnell in Richtung Mord und Totschlag. Liebe und Hass geben sich die Klinke in die Hand. Dass das böse endet, ist bekannt.
Den ewigen Klassiker in einem Sanatorium anzusiedeln, erscheint deshalb wenn schon nicht geboten, dann doch vielversprechend. Um die Sache noch etwas komplizierter zu machen, lässt Nora Somaini, die für die Shakespeare Company zuletzt den „Hamlet“ interessant ausdeutete, „Romeo und Julia“ als therapeutisches Theater im Theater spielen. Vorgestellt werden uns zunächst fünf Menschen aus verschiedenen gesellschaftlichen Zusammenhängen. Sie sind Autorin und Wrestlerin (in einer Person), Unternehmer, Polizist und was nicht noch. Sie alle eint die Diagnose Burn out.
Neben Qigong-Übungen und Gymnastik gehört auch das Darstellende Spiel zur Therapie. Mit Shakespeare sollen die Kranken „wieder einen Zugang zu sich finden“, heißt es in der Ankündigung. Aber kann das gutgehen? Schließlich führt das, was die Patienten kathartisch nacherleben sollen, bei Shakespeare zum Tod. Um es vorwegzunehmen: Die Therapie gelingt halb und halb. Der Vorstandsvorsitzende (Peter Lüchinger) ist am Ende ganz gerührt, die Autorin und Wrestlerin (Svea Auerbach) fühlt einfach: nichts.
Bis dahin ist es allerdings ein langer Weg. Zwei Stunden ohne Pause nehmen sich Somaini und das erfreulich spielfreudige Ensemble Zeit, die Versuchsanordnung mit Leben zu füllen. Wobei allerdings die Ausgangssituation schon allzu bald vernachlässigt wird. Mit viel Company-üblichem Klamauk und zahlreichen Rollenwechseln führen die Ausgebrannten die unselige Liebesgeschichte mit tödlichem Ausgang auf, zuerst noch mit Textbuch, später ohne. Weshalb es im Sinne des Inszenierungskonzepts auch dringend not tut, dass ab und an per Zwischenruf daran erinnert wird, wo hier eigentlich gespielt wird. Und das gerät zum zentralen Problem dieses Abends, weil es eher Verwirrung stiftet als den Bezug zum Heute auszuleuchten, der im Programmheft mit verschiedenen Texten zu Narzissmus, Depression und Psychose angedeutet wird. Eine doch eher ernste Sache, die sich mit dem oft recht derben Humor von Rainer Iwersens Übersetzung und dem in der Company gepflegten Klamauk nicht recht vertragen will.
Immerhin: Über weite Strecken ist das durchaus kurzweilig anzuschauen, was vor allem ein Verdienst von Schauspielern wie Peter Lüchinger, Markus Seuß und Tim Lee ist, die ihre Parts mit viel Liebe zum Detail ausfüllen. Das ambitionierte Konzept retten können sie allerdings nicht.

Kreiszeitung, Andreas Schnell, 19.10.2013


Albern und anrührend

Der Spagat ist beachtlich: In ihrer aktuellen Inszenierung von „Romeo und Julia“ schafft es die Bremer Shakespeare Company, sowohl das Bedürfnis nach Didi-Hallervorden-Humor als auch nach großer Liebestragik zu befriedigen. Für die Kalauer-Ebene hat sich Regisseurin Nora Somaini eine Rahmenhandlung ausgedacht: Ausgeburnte Managerinnen machen eine Art Psychodrama-Seminar, nach dem kollektiven Zähneputzen und etwas Körperarbeit - dafür hat die Company eigens eine Qigong-Trainerin engagiert - verwandelt man sich sukzessiv in Veroneser Patrizier. Und dort, auf den Gassen und unter dem berühmten Balkon, geschieht dann tatsächlich etwas - anrührendes, starkes Theater. Nun ist der Therapie-Witz eigentlich eine Errungenschaft der frühen 8oer, was dem Amüsement dies- und jenseits der Bühnenkante aber keinen Abbruch tut. Das alberne Geplänkel ist ohnehin sofort vergessen, wenn Markus Seuß und Theresa Rose als Protagonisten-Paar loslegen: Sie steigern sich derart intensiv in ihr klandestines Liebesdrama, dass die Existenzialität der Frage, ob gerade Nachtigall oder Lerche singen - ob also schon der Morgen graut und man sich deswegen trennen muss -, noch für den naturentfremdetsten Betrachter zwingende Dringlichkeit erhält. Die verwendete Shakespeare-Übersetzung des Company-Mitbegründers Rainer Iwersen kann man mögen oder nicht - gelegentlich neigt sie zur schlichten Pointe, ist in mancher Hinsicht also passend. Davon unbenommen bleiben ein barocker Sprachbild-Reichtum, der immer wieder begeistert -und tolle Schauspieler.

taz, Henning Bleyl, 19.10.2013


Nora Somaini verpasst „Romeo und Julia“ in der Shakespeare Company eine Frischzellenkur
Schocktherapie für das ewige Liebespaar

Die Inszenierung eines Stückes, dessen tragische Hauptfiguren als gewaltiger Mythos durch die westliche Kultur wabern, ist immer eine Gratwanderung. Nora Somaini hat sie an der Bremer Shakespeare Company gewagt – und gewinnt das Publikum mit einem überwiegend frischen und packenden Ansatz.

Die Frau hat Nerven. Von Romeo und seiner Julia, den Capulets und Montagues ist zunächst einmal gar nicht die Rede in Nora Somainis Version des Dramas um die wohl berühmtesten Liebenden der Weltliteratur. Da winden sich fünf Menschen in einer Art Turnhalle, schreien ihr Leid in drastischen Worten heraus (Kostprobe: „Ich bin scheiß einsam“) und werden per Video-Projektion als Alltagsexistenzen vorgestellt. Mit dabei sind ein Unternehmer, ein Autor, eine Callcenter-Angestellte und eine Wrestlerin. Gemeinsam ist ihnen die Diagnose: Burn-Out. Man atmet einmal tief durch und denkt sich: Bitte, bitte keine Kabarett-Verballhornung der Tragödie, nicht schon wieder Kapitalismus und Globalisierung als Wurzel allen Übels. Die Angst erweist sich als unbegründet. Regisseurin Somaini hält nichts von Plakativität; sie ist Verhaltensforscherin. Sie hat sich angesehen, was mit den Personen in „Romeo und Julia“ eigentlich los ist, hat impulsive, aggressive, launische und egozentrische Antriebskräfte herausgearbeitet, nimmt Ängste ernst. Die gab es Ende des 16. Jahrhunderts, als William Shakespeare seine Tragödie schrieb, die gibt es heute auch noch – nur der Umgang damit hat sich professionalisiert.
Inzwischen kümmert sich eine florierende Therapie- und Selbsthilfeindustrie um die Psyche des modernen Menschen. In eine solche Gruppe verfrachtet Somaini das Stück; zwei Frauen und drei Männer müssen ausreichen, „Romeo und Julia“ sich selbst und dem Publikum plausibel zu machen – eine klassische Stück-im-Stück-Konstellation. Dafür hat Somaini beherzt die Axt an den Text gelegt: Sie lässt ihr verkorkstes Quintett die wesentlichen Stationen der Geschichte erzählen und zwar in einem spartanisch mit alten Matratzen und allerlei Gymnastik-Geräten versehenen Therapieraum (Bühne: Ulrich Leitner). Das verleiht der Aufführung die Aura des Unfertigen. Da probieren fünf Menschen, wie man miteinander umgeht und aufeinander reagiert. Ob es Geborgenheit und Gefühlstiefe geben kann oder jeder doch nur in einem undurchdringlichen Kokon bleiben muss. Dieser Ansatz sorgt für viel Dynamik, ist vom Ensemble überaus flott gespielt und garniert mit hübschen Einfällen: Der Kampf zwischen Mercutio, Romeo und Thybalt wird mit Schaumstoffstangen und Petzibällen ausgetragen, eine Gruppenszene als Qi-Gong-Übung dargeboten. Romeo (perfekt schwankend: Markus Seuß) und Julia (perfekt hibbelig: Theresa Rose) sind schließlich so aufeinander fixiert, dass sie kaum voneinander lassen können und von ihren Mitspielern gewaltsam getrennt werden müssen. Das Tragische und Komische des Shakespeare-Textes hat die Regisseurin dabei gut austariert. Dass unausgeglichene Persönlichkeiten zwischen mehreren Sprechebenen hin- und herspringen, mal deklamieren, mal schreien, mal Passagen fast monoton hersagen, fügt sich nahtlos in das Konzept ein. Problematisch ist es allerdings, dass Somaini auch moderne Alltagsprache eingeflochten hat. In die verfallen die fünf Burn-Out-Patienten regelmäßig, wenn sie aus der Spiel-im-Spiel-Ebene hinaustreten. Wenn die Amme (sehr wandlungsfähig: Svea Auerbach) nach einer „Ibu 600“ ruft oder der Fürst (Peter Lüchinger) Therapiephrasen wie „Ich kann deine Wut spüren“ von sich gibt, schrammt die Inszenierung hart am Klamauk vorbei.
Völlig unnötig ist eine weitere Ebene. Als hätte Somaini der Wirksamkeit des kargen Bühnenbilds und ihrem eigenen Regie-Ansatz doch nicht so recht getraut, flimmern Videoprojektionen (Till C. Juon) im Hintergrund. Die sind einer gegenwärtig offenbar an vielen Bühnenhäusern als hip angesehenen Ästhetik verhaftet und daher doppelt überflüssig. Bitte die kommenden fünf Jahre keine Bilder von Bambis mehr in romantischen Szenen und bitte auch keine Vögel, die sich gen Himmel erheben, wenn jemand stirbt.
Die Inszenierung der Shakespeare Company funktioniert auch ohne diese Anbiederung an den Zeitgeist – das Premierenpublikum war begeistert.

Weserkurier, Iris Hetscher, 19.10.2013


Liebe in der Anstalt
Premiere von „Romeo und Julia“ im Theater am Leibnizplatz, Bremen

Aus einer zeitgemäßen Sichtweise nähern sich Regisseurin Nora Somaini und das fünfköpfige Ensemble der Bremer Shakespeare Company einem alten Stoff. In einer Übersetzung von Rainer Iwersen verwandeln sie Shakespeares Tragödie „Romeo und Julia“ in eine gesellschafts-entlarvende, zeitgemäße Komödie, ohne den Kontakt zum leidenschaftlichen Original zu verlieren.
„Romeo und Julia“ gilt als die berühmteste Liebesgeschichte der Weltliteratur. Denn hier dreht es sich um die Dinge, die das Leben zwar unberechenbar und gefährlich machen, letztendlich aber auch die Lebendigkeit des menschlichen Daseins ausmachen. Es dreht sich um die Macht der Gefühle, seien es einerseits die Gefühle um Liebe und Leidenschaft oder andererseits die Gefühle um Macht, Konkurrenz und Hass. ?In Shakespeares am Ende des 16. Jahrhunderts geschriebener Tragödie leben die Bewohner von Verona in einer Atmosphäre aggressiver Anspannung. So schnell wie sie in ihrer wenig einfühlsamen und unüberlegten Impulsivität zuschlagen, so schnell verlieben sie sich auch. Und genau damit passt die alte Geschichte, in der sich zwei junge Menschen zweier verfeindeter Bürgerfamilien unsterblich ineinander verlieben, überraschend gut in unsere Zeit. Denn ihr Verhalten ähnelt dem der Menschen von heute. Als „pathologische Landschaft des 21. Jahrhunderts“ beschreibt sie der Philosoph Byung-Chul Han in seinem Buch „Müdigkeitsgesellschaft“. Borderline-Syndrom, Burn-out, Depression, Empathieverlust oder Narzissmuss heißen die Leitkrankheiten unseres von Effizienz, Maximierung und Produktivität geprägten Zeitalters, in dem alles machbar scheint. Die Inszenierung von Nora Somaini hat für die Capulets und Montagues von heute einen passenden Ort gefunden: eine psychiatrische Klinik. Hier im Sanatorium treffen Nanny Laurence (Svea Auerbach, auch in der Rolle als Amme und Pate), Thorsten Schlick (Tim Lee, auch als Tybalt und Paris), Maggie Reiler (Theresa Rose, auch als Julia und Mercutio) und Robert Brombach (Markus Seuß, auch als Romeo und Capulet) unter der Obhut ihres Therapeuten und Spielleiters Benjamin Volare (Peter Lüchinger, auch als Fürst und Benvolio) zusammen. Sie gehören zu den zwei Dritteln heutiger Berufstätiger, die aufgrund ihrer Arbeitsbedingungen, Leistungsdruck, Individualitätszwang und Selbstoptimierung krank geworden sind. ?Ihre Leiden machen das Zusammenleben nicht leicht und es ähnelt „verdächtig“ dem Klima im alten Verona, wenn auch die Akteure in verpennt-schlumpfiger Freizeitkleidung, Schlafanzug oder Unterwäsche agieren. Schwerfällig quälen sie sich aus ihren Matratzenlagern, um lustlos an Therapiesitzungen und Qigongübungen teilzunehmen. Einzig die „Theaterpädagogik“ mit Shakespeares „Romeo und Julia“ bringt sie auf die Beine. Immer mehr identifizieren sie sich mit ihren Rollen, bis sie die Konflikte der Shakespearefiguren kathartisch als ihre eigenen ausagieren. ?Mit dieser kompakten zweistündigen Inszenierung ohne Pause zeigt sich die Bremer Shakespeare Company inhaltlich und ästhetisch sehr gelungen in einem jungen und aktuellen Licht. Neben der gewohnten Spielfreude wirken Kostüme (Lucie Travnickova) und Bühne (Ulrich Leitner) zum einen schon passend ins gewohnte Bild der Company, aber auch irgendwie erfrischend anders. Immer wieder werden unter der Kleidung an Zwangsjacken erinnernde Bandagen oder Haltegurte sichtbar. Und auf Leinwänden wird das Bühnengeschehen mit Bildern oder Videos auf unaufdringliche Weise unterstützt. ?Auch gibt es eine Menge schöner Regieeinfälle, welche die Welten des Sanatoriums und die des Shakespearedramas (also das Theater im Theater u.s.w.) mit viel Humor und Ironie kenntlich machen und verbinden. Wunderbar drehen dabei Theresa Rose als Julia rasend-manisch und Markus Seuß als Romeo depressiv-selbstmordgefährdet auf! So liegt am Ende das verstorbene Liebespaar vor einem „Bambibild“ und der Therapeut, der die tödlichen „Medikamente“ gereicht hat, spricht Originaltext: „Kein Leidensweg war schlimmer irgendwo – als der von Julia und Romeo!“ Das alles schaut man sich auch gerne noch ein zweites Mal an! ?

Diabolo, Martina Burandt, 24.10.13



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