Sind wir Esel oder Pedanten?

Von Marco Martinelli

Deutsche Erstaufführung

PREMIERE: 24.02. | 19.30 Uhr.
Vorstellung: 25.02. | 04.03. | 31.03. | 09.04. | 29.04. 19.30 Uhr. Mit Einführung um 19.00 Uhr.
12.03. | 18.00 Uhr. Mit Einführung um 17.30 Uhr.

Für Ermäßigungsber. 6,50 EUR

Übersetzung: Elsbeth Gut Bozzetti.
Regie: Marco Martinelli.

Mit: Kofi Mawuna Agbadohu, Jean-Baptiste Gama, Tim Lee, Amandin Koue Manet, Michael Meyer, Theresa Rose.

Freude an theatralischer Fantastik, Wiederbelebung der Figuren der Commedia dell’Arte und Anspielungen auf das ambivalente Verhältnis zwischen Europäern und Afrikanern. Marco Martinelli, Leiter des Teatro delle Albe in Ravenna, inszeniert die „philosophische Farce“ nach „Wassergeräusch“ (November 2014) wiederum selbst als weitere deutsche Erstaufführung an der bremer shakespeare company.
Theresa Rose spielt darin eine Halbgott-ähnliche Chimäre - teils Esel teils Mensch, teils Mann teils Frau - die in einer schäbigen Wohnung am Stadtrand mit drei afrikanischen Einwanderern lebt. Dieses Wesen weckt die Begehrlichkeit eines Mannes in einem kastenartigen Anzug, er will aus der Vermarktung dieser einzigartigen Erscheinung in einer Freakshow Gewinn schlagen. Michael Meyer spielt diesen Geschäftsmann als skrupellosen Erzkapitalisten. Doch ihre drei Mitbewohner, von den drei Musikern Kofi Mawuna Agbadohu, Jean-Baptiste Gama und Amandin Koue verkörpert, entführen ihn in einen Albtraum, der seine Welt auf den Kopf stellt und seine alten Gewissheiten erschüttert – ähnlich wie es dem Handwerker Zettel in Shakespeares „Sommernachtstraum“ widerfährt. Das ist hochmusikalisch und von anarchischer Komik. Marco Martinelli verwebt in „Sind wir Esel oder Pedanten?“ politische Aktualität mit einer poetischen und fantasievollen Bildsprache zu einem unterhaltenden Abend. Und er gibt dem Zuschauer eine Frage mit den Weg: „Mit welcher Grundhaltung wollen wir durchs Leben gehen und unseren Mitmenschen begegnen?“


Pressestimmen

Shakespeare Company
Sind wir Esel oder Pedanten?
Deutsche Erstaufführung
Vielleicht liegt es am Wetter. Vielleicht hat die Bremer Shakespeare Company den Nieselregen satt. Fest steht: Die Shakespeare Company flirtet mit Italien. Marco Martinelli ist schuld. Das neue Stück hat er selbst geschrieben und inszeniert. “Sind wir Esel oder Pedanten?” ist der Titel, versprochen wird eine “philosophische Farce”.

Theaterexpertin Margit Ekholt hat sich die Generalprobe angesehen. Am Ende des Stückes weiß der Zuschauer ganz genau, was er lieber sein möchte: ein Esel. Auf keinen Fall ein Pedant! Es geht in dem Stück um zwei Geisteshaltungen, die sich gegenübergestellt werden, und der Pedant kommt dabei ziemlich schlecht weg.

Bunter Abend
Das Ganze ist sehr bunt, ein einstündig-kurzer Abend, fantastisch und anarchisch. Einzelne Szenen spielen sogar im Zirkus. Das Drama nennt sich selbst “Groteske”, es erinnert an absurdes Theater und Commedia dell’arte.
Neben drei Schauspielern der Shakespeare-Company sind drei afrikanische Musiker mit auf der Bühne, die nicht nur mit ihren Trommeln den musikalischen Sound liefern, sondern auch richtig mit Theater spielen.

Alles Wissen der Welt
Erzählt wird die Geschichte von drei afrikanischen Männern, die zwar arm sind, aber einen Schatz haben: Fatima – eine junge Frau mit riesigen Eselsohren und Eselsgemächt, ein Wesen, halb Tier, halb Mensch, das sprechen kann und alles Wissen der Welt hat. Die drei Männer wollen Fatima an einen weißen Geschäftsmann verkaufen, ein eiskalter Kapitalist und Pedant, der nur auf seinen Profit aus ist. Der Deal ist soweit klar, doch in der folgenden Nacht hat der weiße Mann einen schrecklichen bizarren Traum. Er wird nämlich schwarz angemalt und verliert seine Identität. Plötzlich ist er der Bedürftige. Alles dreht sich ins Gegenteil um. Der Titel geht zurück auf eine Studie des italienischen Philosophen Giordano Bruno, der im 16. Jahrhundert  lebte. Autor und Regisseur Marco Martinelli erklärt: „Der Esel ist der Gegenentwurf zum Pedanten. Wir meinen, der Esel sei dumm, aber bei den großen Philosophen ist er mit seinen großen Ohren wissbegierig und emphatisch.“

Die Welt erklären
Für ihn ist die Geschichte als ein fantastisches Märchen, das viele Fragestellungen über die Welt enthält, so wie in den alten humanistischen Fabeln. Der Autor hat es übrigens schon 1989 geschrieben, als die erste große Einwandererwelle nach Italien kam. Das war für ihn die Inspiration, sich mit den Migranten und ihrem Kontinent zu beschäftigen.
Marco Martinelli hat im Jahr 2014 bereits das Stück “Wassergeräusch” bei der Bremer Shakespeare Company auf die Bühne gebracht – ein sehr düsteres und sarkastisches Stück über die Flüchtlingskatastrophe im Mittelmeer.
Sein neues Werk “Sind wir Esel oder Pedanten?” ist bunter und heiterer. Trotzdem offenbart auch dieses Stück hinter einer naiv anmutenden Geschichte viel Tiefe. Es ist eine tiefgründige, philosophische, bilderreiche Fabel. Und es ist auch eine Allegorie auf die Situation vieler afrikanischer Staaten, die gezwungen sind, ihre Schätze, sprich Wert- und Rohstoffe, verkaufen zu müssen.

Nordwestradio, 24. Februar 2017. Von Margit Ekholt.


Die Weisheit des weiblichen Esels
Bremer Shakespeare Company zeigt „Sind wir Esel oder Pedanten?“
In einigen Regionen der Welt gilt der Esel nicht als Inbegriff der Dummheit, sondern als ausgesprochen weise. Somit eignet er sich wunderbar als Grundlage für ein multikulturelles Stück.

Nicht überall auf der Welt ist der Esel als Inbegriff störrischer Dümmlichkeit verschrien. In einigen Regionen gilt er sogar als ausgesprochen weise. Ein Umstand, den der Regisseur Marco Martinelli zur Grundlage eines multikulturellen Traumspiels nutzte, das er jetzt unter dem Titel „Sind wir Esel oder Pedanten?“ im Theater am Leibnitzplatz inszenierte. Zur Premiere konnte ein staunendes Publikum miterleben, wie man den Esel durch einen manchmal bockigen, dann wieder poetischen Albtraum jagen kann.
Nun war es kein Geringerer als der große William Shakespeare, der bereits in seinem „Midsummer Night’s Dream“ den Theatertraum als eine Eselei voller doppelter Böden, sexueller Halluzinationen und komödiantischer Wortspiele begriff. Von diesem „Bottoms Dream“, der von Martin Wieland etwas biedermeierlich als „Zettels Traum“ übersetzt wurde, zeigt sich auch Martinellis Inszenierung inspiriert.
Auf einer meist schattig beleuchteten Bühne folgt das Spiel dabei einer kuriosen Traumlogik. Im Kern geht es um ein Mädchen, das eine Mischung aus Mensch und Esel darstellt und das in einem Zustand übersinnlicher Empfindungsgabe die Leiden aller Menschen erspüren kann. So steht Theresa Rose, die das Wesen spielt, mit großen Ohren und Wischeimer auf einem Küchentisch, ein Arbeitstier und heiliges Kind zugleich. Sie hört die Klagen der Menschen, und beneidet sie zugleich um deren „Miniatur-Ohren“. Damit können die ja viel weniger vom Jammer hören…

Sonderbarer Humor auf geschmacklich dünnem Eis
Dieser Monolog läuft eine ganze Weile in schöner Intensität vor sich hin. Besser einordnen lässt er sich, wenn das Programmheft konsultiert wird. Hier erfährt man, dass Autor Martinelli, der aus Italien stammt, durch seine Reisen in den Senegal geprägt wurde, wo er die reiche Erzähltradition des Landes kennenlernte. Der weibliche Esel repräsentiere in vielen afrikanischen Fabeln die Weisheit, und hieraus entspinnt sich nun sein Stück: Ein westlicher Geschäftsmann – mit tückischer Aasigkeit von Michael Meyer gespielt – taucht in der Wohnung der Eselin auf, die mittlerweile von einer Gang afrikanischer Kumpels umsorgt wird. Diese auch musikalisch agilen Leute werden performt von Kofi Mawuna Agbadohu, Jean-Baptiste Gama und Amandin Koué Manet. Alle drei bringen, nun ja, das etwas klischeehafte Temperament von optimistisch gestimmten Afrikanern in die Bude.
Sie feilschen mit dem westlichen Geschäftsmann um die heilige Kuh, Pardon, den weisen Esel. Denn aus unerklärten Gründen steht die langohrige Dame zum Verkauf an. Aufs geschmacklich dünne Eis gerät die Szene, als man ihr den Rock lupft, um nachzusehen, ob das Mädchen, das ein Esel ist, auch wirklich „ein Ding“ besäße. Endgültig geklärt wird diese Frage zum Glück nicht, doch es verbleibt ein irritierender Ton von sehr sonderbarem Humor. Im Zuge der weiteren Szenen verstärkt sich der surreale Charakter. Meyer als Geschäftstreiber wird dann in einer Schubkarre ziemlich rabiat schwindelig gefahren, seine Proteste, es müsse ein Arzt kommen und ihn aus diesem Albtraum befreien, bleiben selbstverständlich unerhört. Statt dessen geraten die Machtverhältnisse ins Schleudern, und plötzlich wird er, der Weiße, von drei schwarzen Polizisten drangsaliert. Dabei hatte er noch protestiert: „Dieser Traum ist aber wenig originell!“

Es bleiben offene Fragen
Der Text von Martinelli scheint durchaus Wert auf literarische Qualität zu legen; auch wenn sich diese beim ersten Kennenlernen nicht mühelos erschließt. Am eindrücklichsten vermittelt sich seine Sprachgewalt in den Monologen der tatsächlich wunderbaren Theresa Rose sowie einer Szene mit Tim Lee. Der steht im Gegenlicht im Türrahmen und summiert das komplette Leid der Welt in einer schwer erträglichen Aufzählung. Entspricht dies alles, der Hunger, die Katastrophen, die Armut, einer göttlichen Vorsehung?
Der Abend macht es seinem Publikum also nicht ganz einfach. Insbesondere die Reibung zwischen kulturellen Traditionen bringt dabei einen originellen Zug in die Sache. Dazu zählt die Commedia dell‘arte, deren zirzensisches Temperament und einige Figuren wie der Harlekin ebenfalls auftauchen.
Am Ende schließt sich der Vorhang sehr langsam und sehr nachdenklich – vielleicht, um auf die wieder einmal offenen Fragen hinzuweisen. Das Premierenpublikum zeigte sich in jedem Fall beeindruckt bis begeistert von der eigenwilligen Mixtur.

Weserkurier, Kurier am Sonntag, 26. Februar 2017. Von Sven Garbade.


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