Was ihr wollt

Von William Shakespeare

Übersetzung: Rainer Iwersen
Regie: Ulrich Greb
Ausstattung: Hanna Zimmermann

Mit: Svea Auerbach, Philipp Michael Börner, Jean Baptiste Gama, Michael Meyer, Theresa Rose, Petra-Janina Schultz.

“Was ihr wollt” ist William Shakespeares berühmteste Verkleidungskomödien. Zu Shakespeares Zeit wurde das reizvolle Rollenspiel noch dadurch gesteigert, dass junge, feminin wirkende Männer, “boy actors”, die Frauenrollen auf der Bühne spielten. Regisseur Ulrich Greb dreht die konventionelle Besetzung konsequent um: Frauen spielen Männerrollen und Männer die Frauenrollen - in Zeiten zunehmender Verunsicherung der Geschlechteridentitäten eine radikale Umsetzung der aktuellen Genderdiskussion. Die normative Kraft von Rollenzuschreibungen wird so überdeutlich: das turbulente Spiel von Erwartungen und Projektionen führt jede geschlechtsspezifische Kategorie ad absurdum.
Das Land Illyrien, an dessen Gestade die Viola nach einem Schiffunglück strandet, ist ein Land, in dem jeder narzisstisch auf seine Selbstbestimmung und sein Selbstdesign fokussiert ist. Viola hat bei dem Unglück ihren Zwillingsbruder Sebastian verloren und verkleidet sich als junger Mann, um sich beim regierenden Fürsten Orsino als Page zu verdingen. Orsino ist in Olivia verliebt, die wiederum den Tod ihre Bruders nicht verwinden kann und will. Als jedoch der hübsche Page, der sich Cesario nennt, bei ihr auftaucht, um ihr Nachrichten der Liebe von Orsino zu überbringen, sprechen auch ihre Gefühle - allerdings für Cesario, nicht für Orsino. Für komische Momente lungert an Olivias Hof auch noch eine Truppe höchst frecher und parasitärer Verwandte herum und ihr puritanisch-steifer Haushofmeister macht sich auch Hoffnungen auf gesellschaftlichen Aufstieg - über eine Heirat mit ihr!

Trailer


Ohne Schizophrenität geht es nicht
Ulricht Greb inszeniert im Theater am Leipnizplatz Shakespeares „Was ihr wollt“
Bevor Sie sich aufmachen, die neue Inszenierung von Shakespeares „Was ihr wollt“ im Theater am Leibnizplatz zu sehen, nehmen Sie sich ein bisschen Zeit und einen Schauspielführer zur Hand, sofern Ihnen der Stoff nicht mehr gegenwärtig ist. Das wird helfen, den Abend zu genießen. Ulrich Greb hat für seine Deutung der Lage nämlich zu recht drastischen Mitteln gegriffen. Zum einen sind die Geschlechter überkreuz besetzt, Männer spielen konsequent Frauen, Frauen ausnahmslos Männer, nur einer soll sich nicht entscheiden müssen, weil er Bruder und Schwester spielt.
Zur Komplexität der Spielsituation tragen zudem Spiegel und Verdoppelung per Videokamera bei, sowie die aus der Company bekannten Rollenwechsel. Spielort ist ein Laufsteg – auch das ein für den Abend nicht ganz unwichtiges Symbol. Ist Shakespeares Komödie ohnehin schon ein schwer ausgeklügeltes, an Verwechslungen reiches Verwirrspiel mit geradezu klassisch schillerndem Happy End, kann am Leibnizplatz nun leicht Schiffbruch erleiden, wer sein Shakespeare-Logbuch nicht ordentlich geführt hat.
Die Geschichte beginnt mit einem Unglück, bei dem Viola an illyrischen Gestaden angespült wird, der Bruder scheint verloren, woraufhin sich die Unglückliche als Cesario verkleidet bei einem Grafen verdingt. Der liebt eine Olivia, die von ihm indes nichts wissen will, dafür aber ein Auge auf Cesario wirft. Olivia wiederum ist Objekt der Begierde von Verwalter Malvolio, der Olivias Onkel Tobias und dessen Trinkgenossen Andreas sowie der Kammerzofe Maria mit seinem Moralisieren so sehr auf den Geist geht, dass sie ihn mit einem gefälschten Brief bei seiner Herrin unmöglich machen wollen. Als später der verloren geglaubte Bruder Violas auftaucht und von Kapitän Antonio unter dessen Fittiche genommen wird, eskaliert das Geschehen, bis Bruder und Schwester sich wiederfinden. Wobei das angesichts der eingangs geschilderten Besetzung beider mit ein und demselben Schauspieler ein bisschen knifflig ist, besser: ohne eine gewisse Schizophrenität kaum zu haben.
Und auf die hat es Greb abgesehen. Er wendet die Komödie in eine Art Psychogramm des modernen Individuums, das bei der Suche nach Anerkennung bei sich selbst landet und dort nicht fündig wird, weil es ohne ein echtes Gegenüber dann doch nicht funktioniert. Außer vielleicht bei Viola/Sebastian, nur dass hier der Irrsinn wartet. Narzissmus, so klingt es aus den Seiten des Programmhefts, ist der Schlüssel zu dieser „Was ihr wollt“-Lesart, aber nicht als Ausnahme von der Regel, sondern als Normalzustand.
Dass das nicht zur akademischen Lehrstunde gerät, verhindert eine sichtliche Lust am Spiel innerhalb dieses Settings, das nicht zuletzt Michael Meyer in der Doppel-, ja eigentlich Dreifachrolle Viola (die Cesario spielt) und Sebastian fruchtbar macht. Aber auch Petra-Janina Schulz als Mavolio legt ein teils atemberaubendes Tempo vor. Gast Philip Michael Börner als Herrin Olivia und Dienerin Maria lässt die Grenzen zwischen beiden Figuren in exaltierten Drag-Outfits schwinden, Svea Meiken Auerbach als Antonio sowie als deftiger Tobias von Rülps und Theresa Rose als Orsino sowie Rülps-Kumpel Andreas von Bleichenwang machen das Verwirrspiel komplett – das heißt: fast. Denn da ist noch der Narr. Dessen Besetzung mit einem ivorischen Musiker noch zu interessanten interkulturellen Spekulationen einlädt.
Nicht zuletzt aber ist Jean-Baptiste Gama, der auch in „Wassergeräusch“ mitwirkt, ein bewundernswert nuancierender Musiker. Nicht nur an Trommeln und Balafon, sondern auch als Sänger, dessen schwerelos schwebender Gesang faszinierende Kontrapunkte zum Geschehen liefert, das nicht wenig unter der Greb‘schen Bedeutungslast ächzt.
Kreiszeitung / Rolf Stein


Schon vor gut 400 Jahren beschäftigte sich Altmeister William Shakespeare in seiner Komödie “Was ihr wollt” mit dem Thema von Identität und Verstellung. Bei der Bremer Shakespeare Company hat der Klassiker “Was ihr wollt” Premiere. Unsere Kulturredakteurin Margit Ekholt schildert ihre Eindrücke, die sie bei einer Probe gesammelt hat.
Ein Probenbericht
Nordwestradio


Männlein oder Weiblein – das ist die Frage
Shakespeare-Company macht Ernst mit dem Rollentausch: Bei „Was Ihr Wollt“ spielen Männer die Frauen
Von keinem Kunstgriff hat der geheimnisumwitterte Theater-Titan William Shakespeare effektvolleren Gebrauch gemacht als vom folgenreichen Kostümwechsel. Frauen verkleiden sich zu Männern, nehmen die neue Rolle voller Abenteurertum an und verlieben sich wiederum in Männer, die nachdrücklich vom Gift der Täuschung enthusiasmiert wurden. Küssen erlaubt. Ist dies womöglich ein Vorläufer aktueller Gender-Theorie – oder schlichte Kostümklamotte?
Die Bremer Shakespeare Company macht jetzt jedenfalls Ernst mit diesem geschlechtlich verknoteten Yin und Yang: Bei „Was Ihr Wollt“ werden sämtliche männliche Rollen von Frauen gespielt – und umgekehrt. Dem Premierenpublikum gab dies allerdings mehr zu denken als zu lachen.
Um die Verwicklungen in der Inszenierung von Ulrich Greb einschätzen zu können, sollte die Synopsis bekannt sein: Nach einem Schiffbruch muss sich Viola als Mann verkleiden, um dem örtlichen Regenten als passabler Diener nützlich zu werden. Dieser schickt die Verkleidete zu seiner Angebeteten an den Nachbarhof, wo sich die Gräfin in den vermeintlich männlichen Botschafter verliebt.
Ein paar betrunkene Vettern sorgen zwischendrin für karnevaleskes Rabaukentum, in welches auch der Zwillingsbruder unserer Heldin hineingezogen wird. Ob am Ende wirklich alles gut ausgeht, bleibt fraglich, weil einem karrieregeilen Hofmeister ein schlimmer Streich gespielt wurde. Dass ein Leben erst in der Maske des anderen Geschlechtes intensiv und unterhaltsam wird, könnte als ein denkbares Fazit notiert werden.
Für Michael Meyer (männlich), der hier die Viola (weiblich) spielt, beginnen diese Metamorphosen nun bereits von der ersten feuchten Minute an, wo er (sie?) auf jenen Laufsteg gespült wird, den Hanna Zimmermann als Ort zum Posieren und Stolzieren kreiert hat. Hier regiert offenbar Graf Orsino in Komplizenschaft mit Gott Narziss. Paradieren und die Haare werfen, stolzieren und die Nase ins Licht emporheben sind erste Bürgerpflicht. Clever gemacht wirken zunächst die projizierten Verdoppelungen, die im Hintergrund von der zweifachen Existenz Violas künden. Doch der Trick erweist sich bald als problematisch, weil er nur ungenügend Meyer aus der Doppelrolle von Sebastian und Viola heraushilft. Auch bietet die Regie keine Requisiten an, mit denen ein Rollenwechsel kenntlich gemacht würde. Wenn eben noch Meyer in Unterhose als Viola bibbert, stellt er kurz darauf in gleicher Aufmachung ihren Bruder Sebastian dar. An solchen Sprüngen hat die Aufführung, ungeachtet ihrer schauspielerischen Qualität, spürbar zu knapsen.
Energie bringt das Ensemble nämlich reichlich ein – doch oft verläuft sich dieser Spieltrieb in den Tücken der Rollenwechsel. Theresa Rose gibt einen herrlich giftigen, beinahe tollwütigen Bleichenwang ab, hat dann aber Schwierigkeiten, sich zum Orsino zu verwandeln, der wiederum im Unterhemd dasteht und also wie eine rundum attraktive Frau aussieht. Männlein oder Weiblein, alles scheint sich in dynamischer Beliebigkeit aufzulösen. Theoretisch könnte dies als Fortschreibung von Shakespeares Credo begriffen werden. Doch praktisch hakelt die Sache, weil hier sämtliche Verhaltensweisen als egalisiert erscheinen. Wenn beispielsweise eine Zofe sich gegen einen zudringlichen Trunkenbold mit einem Tritt unter die Gürtellinie wehrt, mag dies als emanzipatorische Tat gleichviel Gelächter wie Anerkennung finden. Wenn aber hier der kräftig gebaute Philipp Michal Börner als Maria der zierlichen Theresa Rose als Bleichenwang genau dies antut, bekommt der Spaß einen unguten Hohlraum. Auch Saufnase Tobias von Rülps wirkt in Gestalt von Svea Meiken Auerbach leicht aus der Art geschlagen.
So ergibt sich im Lauf des Abends eine bescheidene Ausbeute an gut gesetzten Lachern. Braucht die Company schlichtweg einen Spieler zusätzlich? Die afrikanischen Musiken von Jean-Baptiste Gama, der auch den Part des Narren beiläufig übernimmt, bleiben Flickwerk.
Bis Petra-Janina Schultz als Malvolio doch noch den Abend rettet. Schultz unterspielt mit betonfarbiger Mine jede Lebenslust und zeigt damit ein komisches Monster, wie es nur schlimmste Eitelkeit schaffen kann. Entsprechend drastisch fällt sogar das Happy End wegen Terrorgefahr aus. Schultz bildet also einen Lichtblick in diesem Projekt, das zu oft mit der eigenen Überambition zu kämpfen hat.
Weser-Kurier/Kurier am Sonntag / Sven Garbade


Temporeiche Shakespeare-Premiere in der Neustadt
Das Publikum war begeistert: Am Freitag feierte die Komödie “Was ihr wollt” Premiere in der Shakespeare Company. Witzig, berührend und temporeich war die Inszenierung von Regisseur Urlich Greb und sechs Schauspielern.
Wenn ein Mann eine Frau spielt, die sich als Mann ausgibt – das zieht eine Menge Verwirrungen nach sich. Wenn nun alle Männer eigentlich Frauen sind und alle Frauen Männer, und die Hauptperson irgendwie beides, dann hat man die Zutaten für einem unterhaltsamen Abend:  Die Komödie „Was ihr wollt“ feierte am Freitag in der Shakespeare Company Premiere – temporeich, witzig, berührend. Kurz: gelungen.
Unter der Regie von Ulrich Greb tobten sich die sechs Schauspieler so richtig aus, allen voran Michael Meyer als Viola/Cesario/Sebastian und Petra-Janina Schultz als Malvolio. Die Idee des konsequenten Geschlechtertausches (nur der Narr war, wer er tatsächlich war) war so simpel wie genial – hätten sich „echte Männer“ andauernd an die „Eier“ gepackt und die Hinterwäldler gegeben, wäre das vermutlich weitaus weniger komisch gewesen.
„Was ihr wollt“ endet nicht versöhnlich. Das Stück bot jedoch weit mehr als Schenkelklopfer und schräge Momente: Michael Meyer zeigte vor der als Zerrspiegel eingesetzten Leinwand viel von der Verletzlichkeit seiner Figuren und deren verstörender Suche nach der eigenen Identität. Auch das Ende kam längst nicht so versöhnlich wie bei Shakespeare daher, war in seiner Konsequenz für diese Interpretation allerdings viel logischer.
Weser Report / Bettina Meister


Was wollten sie denn nun?

Die bremer shakespeare company bringt die Verwechslungskomödie „Was ihr wollt“ als schräge Crossdresser-Inszenierung auf die Bühne und will doch etwas zu viel

Es ist nicht das letzte ungelöste Problem der Theatergeschichte, aber doch: 415 Jahre lang rätselte das Theaterpublikum, ob Shakespeare mit Illyrien die historische römische Provinz an der Adria meinte oder nicht viel mehr einen fiktiven Ort wie Utopia, wies es auch Regisseur Ulrich Greb im Programmheft seiner neuen Inszenierung von „Was ihr wollt“ deutet. Seit der erfrischenden Rezitation des Mallorca-Evergreens „Dicke Titten Kartoffelsalat“ bei der Premiere in der bremer shakespeare company jedoch ist klar: Illyrien liegt am Ballermann.
So ganz stimmt das natürlich nicht. Das kühl anmutende Setting aus Laufsteg, Kamera und Spiegel sowie die überall verstreut herumliegenden Kleidungsstücke verweisen eher auf einen Jahrmarkt der Eitelkeiten, in dem das meiste Pose und Illusion ist und nur wenig Wahrhaftigkeit.
Wie auch immer: Hier an der illyrischen Küste, wird die schiffbrüchige Viola angespült. Ihren Bruder Sebastian hält sie für tot, und so beschließt sie, sich am Hof des örtlichen Herzogs Orsino als Diener zu verdingen. Sie kleidet sich als Mann und gibt sich als Cesario aus. Orsino liebt die Gräfin Olivia, die jedoch selbst um ihren Bruder trauert und nichts von ihm wissen will. Ihr Haushofmeister Malvolio wiederum hofft auf ihre Gunst und somit seinen gesellschaftlichen Aufstieg. Als bucklige Verwandtschaft gruppieren sich außerdem Tobias von Rülps und sein Freund Andreas von Bleichenwang um die Gräfin. Auch Letzterer hofft auf eine Heirat. Flankiert wird das Treiben vom obligatorischen und stoisch die Trommel schlagenden Narren.
Aus dieser Ausgangslage entspinnt sich in knapp drei Stunden eine überraschend kurzweilige Verwechslungskomödie: Orsino liebt Olivia, die liebt Cesario, der aber eigentlich Viola ist und Orsino liebt. Und dann kommt auch noch Sebastian wieder. In den üblichen Kurzzusammenfassungen heißt es in solchen Fällen meistens: „Die Ereignisse überschlagen sich.“ Das tun sie auch hier, angesichts eines Plots aber in erfreulich unterhaltsamer Weise.
Die alles entscheidende Frage dabei: Wer ist wer, und vor allem: wie viele? Da ist zum einen Michael Meyer, der sich gleich zu Beginn mühsam in eine Strumpfhose friemeln muss, um für seine Dreifachbesetzung als Viola, Cesario und Sebastian gerüstet zu sein. Philipp Michael Börner verkörpert Zofe Maria ebenso wie ihre Herrin, die Gräfin Olivia, im schrägen Drag-Queen-Outfit. Das ist Shakespeare’sche Aufführungspraxis zum Exzess gesteigert: Männer spielen Frauen, Frauen spielen Männer und alle spielen mehrere Rollen. Nur Malvolio ist einfach Malvolio. Seine Figur ist die tragischste, und Petra-Janina Schultz sticht mit der Darstellung des gestrengen Haushofmeisters, dem durch Bleichenwang und Rülps aufs Übelste mitgespielt wird, beeindruckend hervor.
Das liegt nicht zuletzt auch daran, dass Malvolio die einzige Figur ist, deren Charakter sich in dieser rasanten Crossdresser-Inszenierung überhaupt entwickeln kann. Er ist der unverzichtbare Ruhepol für die ZuschauerInnen und der einzige Charakter, bei dem überhaupt eigene Intentionen deutlich werden. Das ist eine Schwäche dieser Inszenierung, die dem ohnehin komplizierten Plot durch das ständige Kleider- und Rollenwechseln immer noch einen draufsetzt.
Auch wird nicht recht deutlich, was mit dem Crossdresser-Ansatz außer der Potenzierung der Identitätsverwirrung eigentlich genau bewirkt werde soll. Davon abgesehen sorgt das Stück im Publikum ganz offensichtlich für kurzweilige Unterhaltung, trotz oder gerade wegen der fehlenden Subtilität.
Ebenso exzessiv wie die restliche Inszenierung muten auch die Gewaltszenen an, denen gerade Malvolio ausgesetzt ist. Der beiläufige Tritt gegen den Blecheiner, unter dem Malvolios Kopf gefangen ist, mag beim ersten Mal noch witzig sein. Die ständigen und zunehmend wütenderen Tritte lassen die ZuschauerInnen jedoch eher ratlos zurück. So bleibt am Ende eines über weite Strecken unterhaltsamen Abends dennoch die Frage, ob Regisseur Ulrich Greb mit seiner temporeichen Inszenierung nicht doch zu viel wollte.
taz / Von Karolina Meyer-Schilf.


Herrschaft und Anarchie
Das Stück „Was ihr wollt“ feierte am 14- April in der Shakespeare Company seine Premiere. Dabei sorgte es zwar für viel Unterhaltung, aber auch reichlich Verwirrung im Publikum – im positiven Sinne. Denn auf der Bühne herrschte im wahrsten Sinne des Wortes eine Anarchie der Geschlechter.

Gerade heutzutage ist der Begriff „Geschlecht“ nicht nur flexibler, sondern auch umstrittener denn je. Im Allgemeinen wird es nun anerkannt, dass das soziale Geschlecht allein in der Hand seines Besitzers liegt. Ob weiblich, männlich oder irgendetwas dazwischen – das sei jedem selbst überlassen.
Dieses Konzept wird auf der Bühne besonders deutlich: Im Mittelpunkt steht ein Laufsteg, an dessen Ende sich das darauf stattfindende Geschehen auf eine Leinwand mehrfach reflektiert. Der Rest der Bühne ist bedeckt mit Kleidungsstücken wie das Zimmer eines Teenagers, der wieder einfach nichts anzuziehen hat.
Der Verwirrungsfaktor dabei? Die Tatsache, dass Rollen getauscht werden, was das Zeug hält. Männerrollen werden von weiblichen Darstellerinnen übernommen und Frauenrollen von männlichen. Dabei hat jeder Darsteller und jede Darstellerin abwechselnd mehr als eine Rolle inne, welche er oder sie direkt auf der Bühne zusammen mit dem passenden Outfit annimmt und wieder ablegt.
Die Ausnahme bildet dabei Schauspieler Michael Meyer, welcher sowohl Viola als auch deren Zwillingsbruder Sebastian spielt. Und dabei wird das noch alles noch um einiges komplizierter, denn Viola selbst schlüpft in die Rolle des vermeintlich männlichen Cesario. Für den Zuschauer gestaltet es sich äußerst schwierig, zu erkennen, wen Meyer gerade verkörpert, denn dieser wechselt sein Kostüm äußerst selten.
Trotz, oder gerade wegen des hohen Maßes an Kopfzerbrechen während der Aufführung verlässt man diese eher nachdenklich. Ulrich Greb lädt mit seiner Interpretation von Shakespeares Komödie zu Reflektion über Narzissmus, Selbstfindung und Schizophrenie ein.
Der Unterhaltungsfaktor diese Inszenierung leidet nur wenig unter deren eigenen Ambitionen. Besonders Petra-Janina Schultz liefert in der Rolle des Malvolio eine einzigartige Darbietung inklusive eines Finales, das zwar wenig mit Shakespeare zu tun hat, dafür aber laut nach Tarrantino schreit. Auch die „Buschmusik“ des Narren, der von Jean-Baptiste Gama gespielt wird, bildet einen angenehmen Kontrapunkt zu dem vorherrschenden Chaos und wirft zur Abwechslung auch kulturelle Überlegungen in den Raum.
bremer / Von Johanna Schmidt


bremer shakespeare company „Was ihr wollt“

„Ich bin ein Mann!“ schreit Malvolio im Laufe des Abends immer wieder wie zur Selbstversicherung. So sehr das auf den selbstverliebten Haushofmeister in Shakespeares Komödie „Was ihr wollt“ zutreffen mag, so wenig trifft es bei Ulrich Grebs Inszenierung des Stückes im Theater am Leibnizplatz zu. Denn Malvolio wird von Petra-Janina Schultz fabelhaft gegeben, wie überhaupt alle Männerrollen von Frauen gespielt werden und entsprechend die der Frauen von Männern. Es ist eine hübsche Brechung, die für gewisse Irritationen sorgt.
Nur einer fällt aus dem Rahmen: Michael Meyer (in der Doppelrolle von Viola und deren Zwillingsbruder Sebastian) verkörpert das Männliche und das Weibliche zugleich. Aber da sich Viola wiederum als Mann verkleidet, findet auch eine Brechung statt. Die zentrale Idee des Bühnenbildes (ein Laufsteg für den Catwalk samt Zerrspiegel) schreibt diese Brechung fort, denn der Spiegel verdoppelt und verdreifacht die Personen: „Wer bin ich – und wenn ja, wie viele“ könnte man prächtig mit Precht ulken.
Aber Greb geht es eher um das existenzialistische Geworfensein. Schließlich ist Viola eine Gestrandete, was in unserer Zeit schnell an geflüchtete denken lässt, zumal der Afrikaner Jean Baptiste Gama in der Doppelfunktion des Musikers und des – allerdings auf wenige Sätze reduzierten – Narren zu erleben ist.
Der Handlungskern von „Was ihr wollt“ ist schnell erzählt: Viola (verkleidet als Mann) arbeitet für den Herzog Orsino (Theresa Rose) und verliebt sich auch gleich in ihn. In Viola verliebt sich aber Olivia (Philipp Michael Börner), die wiederum vom Herzog begehrt wird. Als auch Sebastian auftaucht, nimmt die Verwirrung ihren Lauf, bis sich zum Schluss die passenden Paare finden.
Der Nebenstrang ist der ebenso hundsgemeine wie komische Streich , den die Rüpel (Svea Meiken Auerbach und Theresa Rose) samt Maria (Philipp Michael Börner) Malvolio spielen. Dieser eitle Kerl avanciert zu Hauptfigur des Abends, die gebrochene Geschlechteridentität des Verwirrspiels gerät dabei aus dem Blick. Folgerichtig setzt der zu Tode gekränkte Malvolio den brutalen Schlusspunkt in dieser nicht nur komischen, phasenweise bedrohlichen Komödie.

Foyer / Von Christin Emigholz.


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