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Königin Elisabeth und Maria Stuart sind von ihrem Selbstverständnis her beide dazu prädestiniert, als Königin über England zu herrschen. Ihr Konflikt um die Herrschaft ist gleichzeitig ein Kampf zwischen katholischen und protestantischen Kräften, die um die Vorherrschaft auf der Insel ringen. Ihre Welt ist gleichzeitig eine Bühne und ein Gefängnis, denn die Blicke der Welt lassen keinen ihrer Schritte und Handlungen unbeobachtet. In der Welt der beiden Königinnen Welt gibt es kein privates Leben, keine Trennung zwischen innen und außen. Doch das Beharren auf dem rechtmäßigen Anspruch auf die Rolle der Königin und der Einsatz von Manipulation und Zwang ist für beide die einzige Chance, gegen Feinde und falsche Freunde zu bestehen. Der biographische Punkt, an dem sich Maria Stuart und Elisabeth treffen ist der Wendepunkt: Das Todesurteil gegen Maria ist geschrieben und Elisabeth zögert, es zu unterschreiben - zu weitreichend sind die weltpolitischen Folgen! Doch die Zeit spielt gegen sie beide.

Maria Stuart

Trailer


Pressestimmen

Petra Janina Schultz gibt mit Schillers „Maria Stuart” ihr Regiedebüt am Theater am Leibnizplatz
Niemand entkommt der Staatsräson

Ob es Zufall ist, dass derzeit zweimal „Maria Stuart“ auf Bremer Bühnen zu sehen ist? Und dass zudem beide Inszenierungen Regiedebüts sind – am Theater Bremen das von Anne Sophie Domenz, am Leibnizplatz das von Petra Janina Schultz? Wahrscheinlich. Eher kein Zufall dürfte es sein, dass die „Maria Stuart“ von Schultz, die am Donnerstag Premiere feierte, im Programmheft mit dem Terrorismus konnotiert wird – wie gerade erst die „Medea“ von Alexander Riemenschneider im Kleinen Haus.

Illegitime Gewalt als Mittel der Politik und der Clash der Glaubensbekenntnisse sind Schillers „Maria Stuart“ durchaus als zentrale Konflikte eingeschrieben. Im Programmheft verweist ein Textauszug von Ferdinand von Schirach auf die völkerrechtlich zweifelhafte Tötung Osama Bin Ladens durch US-amerikanische Soldaten am 2. Mai 2011. Auch Königin Elisabeth muss sich schließlich von der gefangenen Konkurrentin um den Thron vorwerfen lassen, sie völkerrechtswidrig festzuhalten. Allerdings lässt sich Schultz, die wir schon als Schauspielerin bei der Shakespeare Company kennen, nicht zu einer Zuspitzung auf diesen Aspekt verführen. Sie behält den Originaltext weitestgehend bei – eingeschoben sind lediglich zwei Passagen, in denen die Protagonistinnen selbst zu Wort kommen, aus dem Off eingespielte Auszüge historischer Zeugnisse.

Den Kampf der beiden Frauen lässt sie in einem reizvoll kargen Bühnenbild (Bühne und Kostüme: Hanna Zimmermann) spielen, die hier auf einer Ebene verortet sind, wenngleich natürlich strikt getrennt, die eine im goldenen Rahmen auf der rechten Seite, die andere an der gegenüberliegenden Wand auf kargem Klappsitz hockend. Die beteiligten Herren agieren weitgehend vor der Bühne, eine Ebene tiefer, wie es ihnen zusteht. Wobei sie immer wieder zu den Königinnen vorstoßen, ein jeder mit seinen eigenen politischen Interessen, mal in der Maske des ehrlichen Polit-Maklers, mal, wie Graf Leicester, als liebender Mann. Ein bisschen ist „Maria Stuart“ hier also auch eine Frauenfrage: Denn beide müssen sich stets auch damit auseinandersetzen, dass der männlich dominierte Adel sie für sich funktionalisieren will.

Gewissenhaft behandelt Schultz diese verschiedenen Ebenen des Stücks, der Text ist nur leicht zugunsten der beiden Kontrahentinnen gerafft, von den Männerfiguren bleiben lediglich vier, die sich Michael Meyer (sehenswert vor allem als eitler Leicester, aber auch als ehrpusseliger Paulet) und Markus Seuß (Mortimer und Burleigh) teilen.

Ulrike Knospe stolziert als Elisabeth auf turmhohen Plateausohlen und in türkisfarbenem Hosenkleid über die Bühne, zum Kostüm geronnene Staatsräson, der zu entkommen nur unter unwürdigen Verrenkungen möglich und deswegen eigentlich unmöglich ist. Nicht einmal einen gemütlichen Thron hat sie. Eine Sitzbank ermöglicht zwar einigermaßen kommodes Sitzen, aber so richtig ruhen lässt sich darauf nicht. Die Klüfte zwischen privaten und politischen Interessen, zwischen Moral und Pragmatismus lotet Ulrike Knospe eher kühl aus – als reichlich puritanischer Souverän ziemt es sich schließlich nicht, allzu emotional zu sein. Schwer haben es da individuelle, emotionale Impulse, ihren Weg durch die Maske des Offiziellen zu finden. Ganz anders natürlich Maria Stuart, dargestellt von Franziska Mencz, die Katholikin, die Rebellin, die Frau, die ihre Schönheit auch politisch zu nutzen weiß. Wobei leider nicht immer gut zu verstehen ist, wie sie ihre Ziele verfolgt. Vor allem in der Begegnung der beiden, beim Besuch Elisabeths in Stuarts Kerker schlägt das schauspielerisch durchaus Funken, die man andernorts vermissen darf, weshalb einem die rund zweieinhalb Stunden des Abends manchmal lang werden. Zu erwähnen wäre noch die Musik von Stefan Rapp, der im ersten Teil mit perkussiven Zwischenspiel das Geschehen taktet, im zweiten vor allem ein stetig wiederkehrendes Grollen unterlegt, das das scheinbar unvermeidliche böse Ende andeutet.

Für die Bremer Shakespeare Company ein durchaus ungewöhnlicher Abend, der ganz auf die sonst im Hause üblichen Witzeleien verzichtet. Im Vergleich mit der anderen Bremer „Maria Stuart“ der weit weniger unterhaltsame Abend, dafür aber einer, der das Drama weit ernster nimmt, seine Ideen aus dem Text gewinnt, anstatt sie diesem aufzupflanzen.

Kreiszeitung, vom 7. März 2015. Von Andreas Schnell


Die Bremer Shakespeare Company ist ihrem großen Hausautor untreu geworden: Nicht ein Stück von Shakespeare hatte am 5. März Premiere, sondern mit Friedrich Schillers „Maria Stuart“ ein lupenreiner deutscher Klassiker. Margit Ekholt hat sich die Premiere angesehen.

Die Shakespeare Company hat zwar schon öfter Stücke von anderen Autoren inszeniert. Dass die Wahl aber jetzt ausgerechnet auf „Maria Stuart“ gefallen ist, hat einen Grund. Es gibt nämlich einen konkreten Bezug zwischen „Maria Stuart“ und Shakespeare: In dem Drama geht es um den Machtkampf zwischen Elisabeth I. von England und der schottischen Königin Maria Stuart – eine wahre Begebenheit, die sich zugetragen hat im 16. Jahrhundert in England, also genau zur Zeit und an dem Ort, an dem Shakespeare lebte. Er war nur sechs Jahre jünger als Königin Elisabeth, die dem elisabethanischen Zeitalter den Namen gab. So wirft dieses Stück ein Licht auf Shakespeares Zeit.

Regie führte zum ersten Mal Petra-Janina Schultz, die seit 2001 als Schauspielerin zum festen Ensemble der Company gehört. Herausgekommen ist ein sehr durchdachter, konzentrierter Abend. Schultz hat die strenge Symmetrie, die Schiller durch die beiden Rivalinnen vorgibt, aufgenommen und auf Spitze getrieben. Königin Elisabeth hat rechts auf der Bühne ihren Platz in einem großen goldenen Bilderrahmen, Maria links auf einem kärglichen Klappsitz.
Die vier männlichen Rollen werden von nur zwei Schauspielern gespielt, die vor der Bühne rechts und links außen ihre Plätze haben. Die vier Personen auf der Bühne agieren also wie Spiegelbilder.
Dramatischer Höhepunkt des Stückes ist die direkte Begegnung der beiden Königinnen, der Showdown. Da wird deutlich, wie sich die beiden Frauen belauern, sich abstoßen, aber auch anziehen. Ein königlicher Zickenkrieg, in dem nur eine überleben kann.

Dennoch geht es der Regisseurin weniger um die Psychologie der beiden Königinnen, als um die Mechanismen der Politik:
die Intrigen, das Ringen um Macht. Und auch die religiösen Bezüge – Maria ist katholisch, Elisabeth protestantisch – arbeitet Schultz deutlich heraus. Für die Regisseurin bietet das Stück Friedrich Schillers, das 1800 in Weimar uraufgeführt wurde, viele aktuelle Bezüge:

„Gerade wenn ich die Lage heute sehe, mit alldem, was an Glauben dazu kommt, der mir sehr wichtig ist, den ich versuche, immer wieder zu erzählen: Darf ich soweit gehen, ein politisches Urteil zu fällen, darf ich einen Menschen töten, um mein Land zu befrieden? Das ist ein extrem aktuelles Problem.“

Parallel steht derzeit auch im Bremer Theater am Goetheplatz die „Maria Stuart“ auf dem Spielplan. Interessant ist, wie unterschiedlich die beiden Inszenierungen ausgefallen sind. Die Version am Goetheplatz ist aufgemacht wie ein Popmärchen, die Akteure erinnern an Comicfiguren. Die Inszenierung weist starke Verfremdungen auf. Dagegen macht die Bremer Shakespeare Company gar nicht den Versuch, irgendwas ins Ulkige zu ziehen, ihre Fassung ist sehr viel werktreuer.

Fazit: „Maria Stuart“ in der Bremer Shakespeare Company ist wortgewaltig; trotz zahlreicher Streichungen, bleibt doch noch viel Text. Ein paar weitere Kürzungen wären vielleicht hilfreich gewesen. Aber die Akteure (Franziska Mencz, Ulrike Knospe, Michael Meyer und Markus Seuß) sind - wie bei der Shakespeare Company üblich - mit großer Spielfreude dabei. Sehr gelungen sind auch das schlichte Bühnenbild, Lichtführung und Musiksetzungen (sie stammt von Stefan Rapp, einem Musiker der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen). Und eine Augenweide sind die prächtigen Kostüme, die zwar historisch, aber doch gebrochen sind.

Das Premierenpublikum dankte nach zweieinhalb Stunden mit regelrechten Beifallsstürmen.

Nordwestradio, 5. März 2015. Von Margit Ekholt.


Frauen streiten anders

Im Juni 2014 versuchte sich das Theater Bremen an Friedrich Schillers royalem Trauerspiel „Maria Stuart“ – und vergaß über der großzügigen Versorgung des Publikums mit spektakulären Bildern die eingängige Bündelung königlicher Kernkonflikte. Neun Monate später verfährt die Shakespeare Company bei ihrer Inszenierung des Stückes umgekehrt: Petra Janina Schultz’ Regiearbeit ordnet die dramatischen Verwerfungen und Projektionen zwischen Elisabeth Tudor und Maria Stuart gut nachvollziehbar an, wirkt dafür aber bisweilen ästhetisch unentschlossen.

Gegenspielerinnen: Maria Stuart (Franziska Mencz, links) und Elisabeth Tudor (Ulrike Knospe) tauschen Standpunkte aus. (Marianne_Menke, Shakespeare Company / Marianne Menke)
In Schiller Company dürfte man das seit jeher auf Shakespeare-Stücke spezialisierte Haus am Leibnizplatz auch nach der gelungenen Premiere der klassischen Tragödie um zwei Frauen zwischen Macht und Ohnmacht wohl nicht umbenennen. Und doch fügt Petra Janina Schultz’ solides Regiedebüt, die Inszenierung der im Juni 1800 in Weimar uraufgeführten „Maria Stuart“, der notorischen Beschäftigung des Theaters mit Shakespeare wichtige Fragen, Farben und Facetten hinzu.
Zuallererst bieten das Stück und seine Darbietung eine spannende neue Perspektive auf den sogenannten Großen Mechanismus, den Shakespeares Königsdramen als schier unabschließbare Dynamik aus Usurpation und Re-Usurpation vorführen. Eine weibliche Perspektive. Und mit ihr eine Fülle an uralten Menschheitsrätseln: Herrschen Frauen anders? Ist ihr Pflichtbegriff anders als der von Männern? Wie empathisch darf und wie emphatisch muss eine Frau sein, die sich auf dem Thron halten will? Und wie vertragen sich die Antworten auf diese drei Fragen mit der sogenannten Staatsräson? Petra Janina Schultz hat gemeinsam mit ihrer Bühnen- und Kostümbildnerin Hanna Zimmermann ein einfaches und doch treffliches Bild gefunden, um diese Problemfelder augenfällig zu machen: Derweil Maria Stuart (anfangs arg überdreht, später sehr überzeugend: Franziska Mencz), die in England internierte Königin von Schottland, in einem dezent angedeuteten Kerker kauert, ist ihre Gegenspielerin Elisabeth Tudor (imposant in Rede und Gestik: Ulrike Knospe) in gewisser Hinsicht gleichfalls inhaftiert – in einem überdimensionalen (Bilder)Rahmen, den das Publikum auf zwei Arten deuten kann: zum einen als Symbol einer durch Geschichtsschreibung und Popkultur stilisierten Ausnahmefigur. Zum anderen als Metapher einer in Tugendkanon, höfischen Konventionen und tradierten Geschlechterrollen befangenen Frau. Wiederholt verlässt Elisabeth den Rahmen, fällt sozusagen aus ihm; zu seiner Sprengung freilich reicht es nicht.
Maria, ihre festgesetzte Antipodin, hat naturgemäß andere Probleme, die sie aber ähnlich beredt kommuniziert (gegenüber dem Publikum, den Feinden, den Verbündeten, im leisen Monolog). Das ist einer der großen Trümpfe dieser Inszenierung: Sie transportiert wortgetreu und wohlgeordnet die Motivation der beiden existenziell zerrissenen Frauen und deren kolossale Kopfkinokonfliktschauplätze (Staatsräson versus Gefühl, Machterhalt versus Machtanspruch, enthaltsamer Protestantismus versus sinnenfreudiger Katholizismus).
Leider hält die Inszenierung die direkte Konfrontation der Protagonistinnen relativ kurz. Dafür öffnen die Charaktere ihre vernarbten Herzen einigen der von Schiller intensiv konturierten Nebenfiguren – seien diese nun Alliierte, Widerpart oder Falschspieler. Dabei gibt der gewohnt quirlige Michael Meyer Paulet und Leicester, der gesetztere Markus Seuß Mortimer und Burleigh. Das Schauspieler-Quartett bewältigt die Textmassen bewundernswert; selbst das Schiller-Pathos stört kaum. Als Sprechtheater funktioniert Schultz’ Lesart des Stoffes tadellos; allein das Stellungsspiel der Figuren mutet in manchen Passagen statisch an, in anderen überpointiert. Ungeachtet dessen: Wer zweieinhalb Stunden Klassik so kurzweilig auf die Bühne wuchtet, verdient das, was das Publikum bereitwillig spendete: reichlichen, herzlichen Applaus.

Weser-Kurier, 7. März. Von Hendrik Werner.


Puritanismus gegen Sinneslust
Petra Janina Schultz baut in ihrem Regiedebüt auf deutliche Setzungen, eine klare Figurenkonzeption und verzichtet in Schillers „Maria Stuart“ auf Jux und Kokolores.

Die eine hat sie noch, die andere will sie zurück: Macht. Diesem einsam machenden Streben wird alles geopfert, es bestimmt auch die persönlichen Verhältnisse. Ein Lehrstück über Politik ohne jede Moral wird im Theater am Leibnizplatz gegeben.
Rechts auf der Bühne im güldenen Bilderrahmen, auf Plateausohlen aufgebockt, das muss Elisabeth I. sein, die in Sachen Herrschaft gerade die Nase vorn hat. Ihr blasses Haupt ist gekrönt von kunstvoll gekräuselter, gebirgig auftoupierter Rotschopfpracht, ihr überschlanker Körper steckt in einem samtig glänzenden, blau-grauem Hosenanzug. Durchgedrückt ist das Rückgrat, ehrgeizig straff die Haltung. Mit resigniertem Stolz spricht Elisabeth über ihre Jungfräulichkeit und doppelt die Wortbeiträge gern mit raumgreifend gezierten Gesten: Vorgetäuschte Stärke soll innere Leere und peinigende Entscheidungsschwäche verdecken.
Links auf einem Klappstuhl kauert auf einem Klappstuhl die Widersacherin: Maria Stuart, aus Schottlang geflüchtete Asylbewerberin, prunkt mit wildlockig um ihr Haupt krautender Mähne. Klein und doch groß auftrumpfend wirkt die Launische im knallroten Kleid, scheint von langer U-Haft ver-, aber nicht zerstört. Hektisch unterstreicht Maria mit kleinteiligem Gestenrepertoire ihre temperamentvolle Art – und initiiert mit keckem Augenaufschlag immer wieder ihre Verführungskünste. Stolzierend intellektuelle Dame vs. tänzelnd impulsives Weib, anglikanischer Puritanismus vs. katholische Sinneslust.
Petra Janina Schultz baut in ihrem Regiedebüt mit Friedrich Schillers „Maria Stuart“ auf deutliche Setzungen und eine klare Figurenkonzeption. Die in Neid verstrickten Herrscherinnen sind also vis-á-vis auf dem Spielplateau platziert, das für beide ein Gefängnis ist – der Konventionen und des Machtstrebens. Das auf fünf männliche Figuren eingedampfte Spielball-Personal agiert als Typenpanoptikum vor der Bühne und wird nur ab und an von den Frauen heraufgebeten. Wobei Michael Meyer allein schon sprachlich die größte Präsenz des vierköpfigen Ensembles entwickelt – und beispielsweise den eitlen Toyboy Leicester hinreißend mit opportunistischer Geckenhaftigkeit spielt.
Die bremer shakespeare company ist mit dieser Stückwahl in guter Gesellschaft. Viele Theater versuchen, das pessimistische Politdrama von 1800 als brandaktuellen Politkrimi zu präsentieren. Kunstvoll stilisierte Kirsten Uttendorf das Streitgefecht auf einem Laufsteg überm Orchestergraben des Stadttheaters Bremerhaven, scheiterte aber daran, das Maria und Elisabeth schauspielerisch nicht ebenbürtig besetzt waren, der Prinzipienkrieg daher nie auf Augenhöhe stattfand , was der glutvollen Versuchsanordnung die Spannung nahm.
Am Staatstheater Hannover brachte Dusan David Parízek gerade auch eine auf vier Akteure zusammengestrichene Fassung heraus – als um Beifall buhlende Politikershow voller Manipulationstaktiken, Heuchelarien und Selbstinszenierungen. Sehr reduziert dort das szenische Arrangement, sodass die üblichen Regiemätzchen umso deutlicher missfallen: Popsongs singen, auf den Boden kotzen, sich mit Freibier anbiedern, verschwiemelt Erotisches in sexuelle Überdeutlichkeit transferieren… Immerhin sind Maria und Elisabeth herausragend besetzt.
Wie derzeit auch am Theater Bremen mit Betty Freudenberg und Nadine Geyersbach. Nur vergeudet Regisseurin Anne Sophie Domenz dieses Potenzial dort mit performativen Albernheiten, überzeichnet comichaft, verspottet die Hauptfiguren als glamouröse Popkultur-Ikonen. So hat die shakespeare company im direkten Vergleich die Chance, sich gegen den großen Mitanbieter vor Ort zu profilieren. Was teilweise gelingt. Weil nicht die Fantasie der Zuschauer mit Bildern geflutet wird, sondern die Bühne freigeräumt wird für die moralischen Kontroversen des Textes.
Die Inszenierung vertraut Schiller und seiner Sprache. Franziska Mencz und Ulrike Knospe beherrschen sie über das reine Deklamieren hinaus – was aber fehlt, ist die darstellerische Überlebensgröße. Die männermordende und doch heilige Megäre Maria schafft es, trotz eines Martyriums von Demütigungen und vergeblichen Hoffnungen, sich innerlich zu befreien und doch äußerlich zu verklären. Doch Mencz gibt das allzu jugendzimmerkompatibel trotzköpfig lässt wenig von den in ihr tobenden Turbulenzen erahnen. Und Knospe fehlt fast alles zur hochmütigen Eleganz einer Erhabenheit erstrebenden Königin. Chefsekretärinnenhaft bis matronenmütterlich wirkt sie; eine Kleinfamilie zu managen oder Bürohengste zu umsorgen, das ist ihr zuzutrauen, aber dass diese Elisabeth ein von allen Seiten bedrohtes England mit Kalkül erfolgreich regiert, ist nicht zu erahnen.
Der einzige zum Zerreißen gespannte Konflikt des Abends ist der des Staatssekretärs Davison – als ihm (in Gestalt der Maria-Darstellerin) Marias Todesurteil ausgehändigt und er bewusst im Unklaren gelassen wird, ob es vollstreckt oder nur verwahrt werden soll. Mitleidenswürdig wirkt seine todesängstliche Ratlosigkeit an einem sonst recht sachlichen Abend. Die Sprechoper kommt als etwas dröges Sprechstück, das kraftvolle Hass-Duell als seriöse Rhetorik-Affäre daher. Es ist aber auch eine mutige Anti-BSC-Inszenierung. Nur das direkte (wenn auch interaktionsfreie) Anspielen des Publikums (als Volk oder Parlament) nutzt Schultz als volkstheatrale Praxis, auf allen Juxkokolores verzichtet sie komplett.

taz, 7. März 2015. Von Jens Fischer.


Zwei Frauen und die Macht
„Maria Stuart“ von Friedrich Schiller bei der Bremer Shakespeare

Bei ihrer ersten eigenen Regiearbeit hat sich Ensemble-Mitglied, Petra Janina Schultz, an Friedrich Schillers Trauerspiel „Maria Stuart“ gewagt, das gerade auch im Bremer Schauspielhaus gespielt wird. Heraus kam ein Theaterabend mit einer durchdachten Sichtweise auf zwei beeindruckende Frauengestalten und die schwierigen  Spielarten der Macht.

Maria Stuart, Königin von Schottland, hat ihren Ehemann durch ihren Liebhaber umbringen lassen. Als dies auffliegt, sucht sie Zuflucht bei den Verwandten in England. Nun sitzt sie im Kerker der englischen Königin Elisabeth Tudor und bringt diese in eine problematische Situation. Denn weil auch Maria einen Anspruch auf den englischen Thron besitzt, empfehlen politische Berater, Maria hinzurichten. Andererseits stände Elisabeth mit dem Todesurteil aber als grausame Herrscherin da, was sie fürchtet. Dieses Dilemma, nie auf die eigenen Gefühle hören zu dürfen, sondern immer als öffentliche Person agieren zu müssen, ist das Hauptthema des Dramas.
Das Schiller’sche Textungetüm „Maria Stuart“ ist für Theatermacher wie für die Zuschauer eines schnelllebigen Medienzeitalters eine Herausforderung. Da ist man schnell in Versuchung, mit kurzweiligen Theatertricks abzulenken oder mit einer schillernden Ausstattung zu beeindrucken. Im Theater am Leibnizplatz jedoch sind nun vielmehr  Konzentration und Aufmerksamkeit gefragt, um sich auf Textgewalt und eine zunächst spröde anmutende Inszenierung mit nur vier SchauspielerInnen einlassen zu können. Und das Konzept funktioniert: Nach und nach hört man sich ein und gerät mit den Figuren in den Sog der Schiller’schen Sprache. Daneben scheint das unaufgeregt schlicht gehaltene Bühnengeschehen eine vernünftige Entscheidung gewesen zu sein, mit dem man sich ebenso zunehmend anfreunden kann.
Annähernd einfach und dabei auffallend schön, ist die Ausstattung. Bühnenbild und Kostüme (Hanna Zimmermann) sind perfekt aufeinander eingestimmt und überzeugen mit ihrer Assoziations- und Symbolkraft. In einem Meergrün-Türkis ist die Bühne anfangs beschienen, in dem die Silhouette des gleichfarbigen Kleides (in Wahrheit ein Hosenanzug) von Elisabeth Tudor (Ulrike Knospe) regelrecht verschwimmt. Allein der güldene Bilderrahmen auf der rechten Bühnenseite, in dem sie sich immer wieder, wie in einem sicheren Zufluchtsort, auf einem samtenen Bänkchen niederlässt, gibt ihrer äußeren Figur eine Abgrenzung zum großen Ganzen.
Ganz anders dagegen leuchtet Franziska Mencz als Maria Stuart auf der linken Seite der Bühne in einem üppigen feuerroten Kleid. Auch wenn sie in einem, durch ein kleines Holzpodest mit schlichtem Klappstuhl angedeuteten Kerker sitzt, so ist sie anfangs die aufregendere, sinnlichere, temperamentvollere und damit irgendwie menschlicher anmutende Person, gegen die ihre Konkurrentin unbeholfen und blass wirkt. So erkennt man die Charaktereigenschaften der beiden höchst unterschiedlichen Frauenfiguren auch in ihrer Körperlichkeit.
Schillers Gedanken vom Menschen, der zwar Macht hat, aber dafür nur ein Leben im Schein führt, wird von der Inszenierung interessant in Szene gesetzt. Auf überhöhten Holzschuhen bewegt sich Elisabeth Tudor wackelig und unbeholfen – jede Verantwortung ablehnend, immer auf der Suche, nach jemandem, der ihr die heiklen Dinge aus der Hand nimmt, ganz allein aus dem Bestreben heraus, die Macht zu behalten. Unterstützt werden die beiden Hauptfiguren von Michael Meyer und Markus Seuß in der Rolle von je zwei männlichen Figuren. Die Textgewaltigkeit der Vorlage wird in der zweieinhalbstündigen Inszenierung vom gesamten Ensemble gut gemeistert. Dazwischen untermalt eine Klangcollage (Stefan Rapp) den „Eiertanz“ zwischen Machterhalt, Selbstausdruck und Selbstverleugnung auf interessante Weise. Ein schlüssiger, gut durchdachter und klarer Klassik-Theaterabend, der mit viel Premierenapplaus belohnt wird.

Diabolo, Oldenburg, 12.-18. März. Von Martina Burandt